WM in Katar: Iran bezwingt Wales dramatisch, aber ohne Protest

Entscheidung in der Nachspielzeit: In einem dramatischen zweiten Gruppenspiel gewinnt Irans Nationalmannschaft gegen Wales. Politische Botschaften des Teams bleiben aus, die Spieler sangen vor dem Anpfiff die Hymne.

Zweimal hatte die Iraner schon den Pfosten getroffen in dieser zweiten Halbzeit. Doch ein Tor wollte ihnen trotz vieler Chancen lange nicht gelingen. Auch in Überzahl nach einer roten Karte für den walisischen Torwart Wayne Hennessey (86. Minute) nicht. Neun Minuten Nachspielzeit waren angezeigt, knapp acht davon waren schon abgelaufen - da kam der Ball nochmal zu Roozbeh Cheshmi. Der Innenverteidiger legte sich das Leder kurz vor und zog dann von der Strafraumkante ab. Es war der erlösende und verdiente Führungstreffer (90.+8) für den Iran, Ramin Rezaeian erhöhte sogar noch auf 2:0 (90.+11). 

 

Es gehe nun wieder um den Fußball, sagte Trainer Carlos Queiroz nach aufregenden Tagen aufgrund des Hymnen -Boykotts seiner Spieler vor dem ersten Gruppenspiel gegen England, baute aber gleich die Brücke zu den Anhängern: "Ich habe keine Worte für meine Spieler, sie sind unglaublich, Diese Jungs lieben es, Fußball zu spielen und sie haben für die Fans gespielt."

Politische Geste von vielen Fans erwartet 

Die sich entladende Spannung beim Jubel der Spieler und bei den Reaktionen auf den Rängen war fast zu greifen. Es waren Momente in denen das Sportliche die schwierige Situation des Teams überdeckte. Seit Wochen befinden sich die Mannschaft und die einzelnen Spieler im Zwiespalt darüber, inwieweit sie die Freiheitsbewegung in ihrer Heimat öffentlich unterstützen sollen, wie es von weiten Teilen der iranischen Fans erwartet wird . Iranische Zuschauer wurden offenbar ihrerseits von Ordnern im Al-Rajjan Stadion in Katar an ihrer freien Meinungsäußerung gehindert. Auf Twitter kursieren Bilder einer Frau, die ein Trikot mit dem Namen der jungen Frau hochhält, deren Tod in Polizeigewahrsam vor einigen Wochen Auslöser der Proteste im Iran war.  

Politische Gesten seitens des "Team Melli", wie das Schweigen während der Hymne beim ersten Gruppenspiel, blieben diesmal jedoch aus. Die Spieler sangen die Hymne. Zaghaft zwar, aber doch erkennbar. Dafür gab es vernehmbare Pfiffe von den Rängen, die jedoch verstummten, als auf der Videowand ein herzzerreißend weinender älterer Fan mit einer iranischen Fahne gezeigt wurde.

Der Druck auf die Spieler, die auch um das Wohl ihrer Familien in der Heimat fürchten müssen, war wohl zu groß geworden. Dass auch Popularität nicht vor Repressalien schützt, zeigt der Fall von Voria Ghafouri. Der ehemalige Nationalspieler wurde laut der Nachrichtenagentur Tasnim am Donnerstag verhaftet. Dem 35 Jahre alten Verteidiger werde Propaganda gegen das iranische Politsystem sowie Beleidigung der Nationalmannschaft vorgeworfen, hieß es.

Chancen aufs Achtelfinale 

Der verdiente 2:0 (0:0)-Erfolg  gegen Wales hält die WM-Träume des Iran am Leben. Im Auftaktspiel war die Elf gegen England noch mit 2:6 unter die Räder gekommen. Gegen Wales präsentierte sich das Team jedoch von Beginn an griffiger und spielstärker. Nach einer noch recht ausgeglichenen ersten Hälfte drehte Iran im zweiten Durchgang weiter auf. Der Leverkusener Sardar Azmoun beschäftigte die gegnerische Abwehr immer wieder. Er und sein Stürmerkollege Ali Gholizadeh trafen nach der Pause innerhalb von Sekunden jeweils den Pfosten. In der hektischen Schlussphase sah dann Hennessey sah die Rote Karte, weil er
gegen Mehdi Taremi mit gestrecktem Bein deutlich zu spät kam - eine klare Entscheidung.

Irans Roozbeh Cheshmi im weißen Trikot hat gerade seinen Distanzschuss zum 1:0 in der achten Minute der Nachspielzeit losgelassen. Sein Bein schwingt aus. Er pustet.

Schuss ins sportliche Glück: Irans Roozbeh Cheshmi trifft zum 1:0 in der achten Minute der Nachspielzeit

Die erneut lange Nachspielzeit nutzte der Iran dann doch noch für die Entscheidung. Bei der sechsten WM-Teilnahme könnte es die iranische Auswahl zum ersten Mal ins Achtelfinale schaffen. Und das ausgerechnet im politisch hochbrisanten entscheidenden dritten Gruppenspiel gegen die USA. "Wir brauchen unsere Fans hier und im Iran für diese positive Energie", sagte Torjäger Taremi, "wir müssen das Spiel gewinnen." Irans Nationalelf bleibt bei der WM in Katar im Fokus - sportlich und politisch. 

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