Welche Folgen die Affäre um Till Lindemann für Rammstein hat

Rammstein Frontsänger Till Lindemann © dpa/Malte Krudewig

Mehrere junge Frauen erheben schwere Vorwürfe gegen Rammstein-Sänger Till Lindemann. Auch Fälle sexueller Gewalt stehen im Raum. Die Band weist die Vorwürfe zurück. Welche Auswirkungen hat das auf die Berliner Band und die aktuelle Tour?

Worum geht es genau?

Mehrere Frauen haben in den vergangenen Tagen Vorwürfe vor allem gegen den 60 Jahre alten Rammstein-Frontmann Till Lindemann erhoben. Sie schildern Situationen im Rahmen der Konzerte der Band. Junge Frauen seien vorab ausgewählt und gefragt worden, ob sie zur After-Show-Party kommen wollen.

Dort soll es nach Schilderungen einiger Frauen dann auch zu sexuellen Handlungen gekommen sein, dabei werden auch Fälle von Gewalt und Missbrauch beschrieben. Teilweise seien die Frauen, denen auf den Partys kostenlos Alkohol und illegale Drogen angeboten worden seien, auch nicht nach ihrem Alter gefragt worden, lautet einer der Vorwürfe.

Warum tauchen die Vorwürfe gerade jetzt auf?

Es kursieren Screenshots von Chats und Nachrichten, die bereits aus den letzten Jahren stammen, in denen eine Frau gezielt junge Frauen kontaktiert, ob sie bei Rammstein-Konzerten in der sogenannten Row Zero, also dem Sicherheitsbereich unmittelbar vor der Bühne, und dann auch auf Pre- und After-Show-Partys dabei sein wollen.

Nach dem Auftakt der Europa-Tournee im litauischen Vilnius am 22. Mai hat die Irin Shelby Lynn publik gemacht, dass sie dabei gespiked, also unbewusst und unfreiwillig unter Drogen gesetzt worden sei. Am nächsten Morgen sei sie mit blauen Flecken aufgewacht. Mehr wisse sie nicht.

Der NDR und die "Süddeutsche Zeitung" zeigten daraufhin in einer Recherche [tagesschau.de] auf, dass das bei Konzerten von Rammstein offenbar System haben soll. Dem Reporter-Team liegen nach eigenen Angaben Aussagen von mehreren Zeuginnen an Eides statt sowie zahlreiche Chat-Protokolle vor, die Teile der Vorwürfe unterstreichen.

In einem viel beachteten und geteilten Video schilderte Anfang der Woche die Berlinerin Kaya Loska, unter ihrem Künstlernamen Kayla Shyx, auf Youtube ihre Erfahrung bei einem Rammstein-Konzert im Berliner Olympiastadion am 4. Juni 2022. Auch sie beschreibt, wie sie kontaktiert und für die After-Show-Party rekrutiert wurde und dann mit anderen jungen Frauen in einen separaten Raum geführt wurde, wo sie sich mit Lindemann treffen sollte.

Wie reagieren die Band und Lindemann?

Lindemann ließ über Anwälte verkünden, dass er die Vorwürfe zurückweise, und kündigte außerdem rechtliche Konsequenzen an. "Wir werden wegen sämtlicher Anschuldigungen dieser Art umgehend rechtliche Schritte gegen die einzelnen Personen einleiten", hieß es.

In einer ersten offiziellen Stellungnahme von Rammstein Anfang Juni hatten sie gesagt, die Vorwürfe hätten sie sehr getroffen und man nehme sie außerordentlich ernst. "Unseren Fans sagen wir: Es ist uns wichtig, dass Ihr euch bei unseren Shows wohl und sicher fühlt - vor und hinter der Bühne." Weiter hieß es in dem Schreiben: "Wir verurteilen jede Art von Übergriffigkeit und bitten euch: beteiligt euch nicht an öffentlichen Vorverurteilungen jeglicher Art denen gegenüber, die Anschuldigungen erhoben haben. Sie haben ein Recht auf ihre Sicht der Dinge." Auch die Band habe aber ein Recht - nämlich ebenfalls nicht vorverurteilt zu werden.

Auf konkrete Anfragen, unter anderem auch des rbb, hatten sich zuvor weder Lindemann oder Rammstein noch das Management oder der Konzertveranstalter inhaltlich. Lindemann wurde zitiert, dass es "für alle blöd" sei, dass Fans nun auch keine Selfies im Rahmen der After-Show-Partys mehr machen können.

Welche Konsequenzen gab es bislang?

Bei den ab Mittwoch in München stattfindenden Konzerten sollen sich in der sogenannten Row Zero keine Gäste mehr aufhalten. Dort waren seit vier Jahren jeweils am rechten und linken Bühnenrand kleine Gruppen meist sehr junger, häufig auffällig gekleideter Frauen zu sehen.

Das Konzept für die Partys rund um die Konzerte sei ebenfalls geändert, heißt es laut der Deutschen Presse-Agentur aus dem Umfeld der Band. Es solle nicht mehr zwei geben – eine große für Fans und Band, eine kleine für Lindemann und Frauen – sondern künftig, wenn überhaupt, nur noch eine Feier nach den Konzerten. Für München gibt es noch unterschiedliche Angaben.

Zudem hat die Band ein Awareness-Konzept in Auftrag gegeben. Es soll nun in München erstmals realisiert werden. Sechs Mitarbeiter sollen in Verbindung mit der Security nach Auffälligkeiten im Stadion Ausschau halten. Zudem soll es einen Safe-Space-Bereich geben, in den sich Betroffene zurückziehen können.

Die vor allem für Sänger Lindemann tätige Frau, die die Mädchen kontaktiert und organisiert habe, sei aus dem Umfeld der Band verbannt worden, berichten mehrere Medien übereinstimmend. Sie habe keinen Zugang mehr zu Konzerten.

Was heißt das für die Konzerte, etwa in Berlin?

Die Konzerte der aktuellen Europa-Tournee sollen weiterhin wie geplant stattfinden. Menschen, die unter den aktuellen Umständen nicht auf die Konzerte gehen wollen, können ihre Karten der eigentlich ausverkauften Konzerte über Wiederverkaufsplattformen anbieten. In Berlin sollen im Olympiastadion drei Konzerte am 15., 16. und 18. Juli stattfinden. Sie sind allesamt ausverkauft.

Nachdem für die Veränderungen in München auch lokalpolitischer Druck verantwortlich war, äußert sich der neue Berliner Kultursenator Joe Chialo (CDU) auf Anfrage des rbb: "In München haben sie eine Lösung gefunden, die ich begrüße. Auch für die Berliner Konzerte wäre ich dafür, die Row Zero und die Backstage-Partys nicht stattfinden zu lassen und Awareness-Teams einzusetzen. Dies kann zu einem erhöhten Sicherheitsgefühl der Menschen beitragen, die durch die Situation verunsichert sind."

Er könne diese Maßnahmen aber "nicht alleine durchsetzen, sondern muss sie mit den Veranstaltern und dem Management der Band absprechen", so Chialo. Für ein Verbot der Konzerte, wie es teilweise gefordert wird, bestehe "derzeit kein rechtlicher Hebel und wir dürfen uns an dieser Stelle nicht dazu verleiten lassen, jemanden vorzuverurteilen".

Chialo betonte: "Wir bewegen uns zwischen zwei sehr wichtigen Gütern: der Unschuldsvermutung als Teil der Menschenrechte auf der einen, dem Ernstnehmen von Vorwürfen und dem Recht auf Unversehrtheit auf der anderen Seite. Und ich nehme die Vorwürfe dieser Frauen sehr ernst."

Die Berliner Innen- und Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) teilte am Mitwoch mit: "In Berlin wird es in den Liegenschaften, die ich verantworte, keine After-Show-Partys der Band Rammstein geben. Es gilt die Ermittlungen abzuwarten, aber die Vorwürfe wiegen so schwer, dass Schutz und Sicherheit der Frauen hier absoluten Vorrang haben."

Haben die Vorwürfe weitere Konsequenzen?

Bereits seit den ersten Vorwürfen nach dem Tour-Auftakt in Vilnius gibt es im Umfeld der Band Untersuchungen. Rammstein hat die Anwälte Simon Bergmann und Christian Schertz beauftragt, deren Ziel es nach übereinstimmenden Medienberichten sein soll, die Sachlage aufzuklären. Dabei geht es etwa um den Einsatz von Drogen ohne Wissen der Beteiligten im Umfeld des Konzertes.

Dazu sollen schon Zeugenaussagen vorliegen. Die Anwaltskanzlei soll auch Mitarbeiter der Crew, Security und Band befragen, ebenso möglicherweise betroffene Frauen. Bisher unklar ist den Angaben zufolge, ob noch in dieser Woche erste Ergebnisse veröffentlicht werden sollen.

Derweil hat der Verlag "Kiepenheuer & Witsch" die Zusammenarbeit mit Rammstein-Frontmann Lindemann beendet. "Wir haben Kenntnis erlangt von einem Porno-Video, in dem Till Lindemann sexuelle Gewalt gegen Frauen zelebriert und in dem das 2013 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienene Buch 'In stillen Nächten' eine Rolle spielt", hieß es in einem Statement.

Kritisiert wird im Zusammenhang mit den aktuellen Vorwürfen auch ein Gedicht Lindemanns, das von Sex mit einer wehrlosen und unter Drogen gesetzten Frau handelt.

Welche strafrechtlichen Konsequenzen drohen?

Die Berliner Staatsanwaltschaft antwortet auf rbb-Anfrage, es seien bei ihr "derzeit keine Ermittlungsverfahren anhängig". Zudem weist Sprecher Sebastian Büchner darauf hin, dass die Behörde ohnehin erst dann Auskünfte erteilen darf, wenn "ein Mindestbestand an Belegtatsachen gegeben wäre". Das wäre auch weder bei der möglichen Erstattung einer Anzeige noch einer etwaigen Vorprüfung von Amts wegen der Fall, so lange man sich im Bereich der Verdachtsberichterstattung befinde.

Die Band schrieb nach den ersten öffentlich bekannten Vorwürfen: "Zu den im Netz kursierenden Vorwürfen zu Vilnius können wir ausschließen, dass sich was behauptet wird, in unserem Umfeld zugetragen hat. Uns sind keine behördlichen Ermittlungen dazu bekannt."

https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2023/06/konzerte-rammstein-till-lindemann-berlin-row-zero-vorwuerfe-sexuelle-gewalt.html