Putins Kräfte könnten nicht reichen

Die Rebellion in Russland nimmt unübersichtliche Ausmaße an. Was bedeutet der Machtkampf zwischen Putin und Prigoschin? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Am Freitagabend eskaliert die Lage. Der Söldnerführer Jewgeni Prigoschin wendet sich offen gegen die russische Militärführung. Auf seinem Telegram-Kanal wirft er dem Verteidigungsminister Sergej Schoigu vor, Raketenangriffe auf seine Wagnertruppen angeordnet zu haben. Zahlreiche Kämpfer seien getötet worden. Prigoschin droht damit, aufzuräumen – und erteilt seinen Truppen einen Marschbefehl gen Russland.

 

Diese setzen sich umgehend in Bewegung, Prigoschin spricht von 25.000 Männern unter seinem Befehl. Die Stadt Rostow am Don wird ins Visier genommen. "Wer versucht, uns Widerstand zu leisten, den werden wir als Bedrohung betrachten und sofort töten", kündigt Prigoschin an.

Schoigu habe von Rostow aus, wo sich das militärische Hauptquartier für den Ukraine-Krieg befinde, die Angriffsoperation auf seine Männer befehligt. "Um 21.00 Uhr ist er geflohen – feige wie ein Weib", sagt Prigoschin.

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Prigoschin lässt seine Truppen in Russland einmarschieren: Was bedeutet das jetzt? (Quelle: IMAGO/Sergey Pivovarov)

Doch die Informationen lassen sich derzeit nicht unabhängig bestätigen. Die Lage bleibt unübersichtlich. Viele Fragen drängen sich auf. t-online gibt einen Überblick.

Was ist vor dem Putsch passiert?

Die Wagner-Truppen kämpfen mit Russland Seite an Seite im Krieg gegen die Ukraine. Seit wann genau, dazu gibt es unterschiedliche Angaben. Bereits kurz nach Beginn der russischen Invasion am 24. Februar 2022 meldete das US-Verteidigungsministerium, die Gruppe Wagner werde in der Ukraine eingesetzt; unter anderem werden Wagner Attentat-Versuche auf den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zugerechnet.

 

Seit Sommer 2022 jedoch ist der Einsatz von Prigoschins Privatarmee im Auftrag der russischen Militärführung ein offenes Geheimnis. Der Söldnerführer rekrutiert spätestens seit September desselben Jahres persönlich im Namen der Gruppe Wagner in russischen Straflagern Gefangene für den Kriegseinsatz in der Ukraine. Dafür reist Prigoschin quer durch Russland, immer wieder kursieren Videos von ihm, wie er Kämpfer für Wagner mobilisiert.

Wann und wieso kam es zum Bruch?

Mit den immer deutlicher sichtbar werdenden Verlusten des russischen Militärs in der Ukraine sinkt offenbar die Loyalität Prigoschins – und er stellt sich offen gegen die Führung im Kreml. Vor allem seit Beginn des Jahres 2023 zeigt sich das immer wieder in seinen öffentlichen Äußerungen.

Als er mit seinen Söldnern im Januar die Eroberung der ukrainischen Stadt Soledar für sich reklamiert, lobt er vor allem sich selbst. Es sei eine maßgebliche Leistung seiner Privatarmee und weniger ein Erfolg der regulären Truppen der russischen Armee.

Zugleich zeigt sich auch die Abhängigkeit des Söldnerführers in den vergangenen Monaten immer deutlicher. Er kritisiert die Militärführung um Verteidigungsminister Schoigu – und zeigt damit, wie sehr er ihre Ausrüstung benötigt. Dabei ist bis heute unklar, wie weit Prigoschin die Söldnertruppe inklusive Ausbildung, Logistik und Bewaffnung finanziert und wie viel der Kosten das russische Verteidigungsministerium übernimmt.

Doch im Frühjahr 2023 zeichnet sich ab, dass eine große Abhängigkeit der Gruppe Wagner vom Nachschub militärischer Ausrüstung aus den Beständen der regulären russischen Armee existiert.

Prigoschins Problem: Wagner verfügt über keine eigenen Produktionskapazitäten für Kriegsgerät, ist auch auf die Infrastruktur des Verteidigungsministeriums angewiesen – und auf dessen Munition. Prigoschin befehligt also eine Privatarmee, die faktisch aber vom Staat bezahlt und mit russischen Sträflingen bestückt ist. Sogar der Sohn von Putins Pressesprecher Peskow hat einst für Wagner gekämpft.

Was passiert, wenn Prigoschin aufgehalten wird?

Vor zwei Monaten noch stellte sich Jewgeni Prigoschin hinter den russischen Präsidenten. "Moskau ist nicht unser Feind", so der Wagner-Chef auf die Frage, ob er seine Waffen bald gegen den Kreml richten werde. Jetzt plötzlich die Wende – und die sofortige Reaktion Russlands. Der Geheimdienst ermittelt gegen Prigoschin, weist dessen Anschuldigungen zurück und will ihn nun wegen eines versuchten bewaffneten Aufstands festnehmen lassen. Laut Generalstaatsanwaltschaft drohen Prigoschin zwischen 12 und 20 Jahre Freiheitsstrafe.

Durch den Marsch gen Moskau bringt sich Prigoschin möglicherweise selbst in Gefahr. Die russische Hauptstadt gilt als Hochsicherheitszone. Putin werde nicht zulassen, dass Prigoschin den ganzen Weg ins Machtzentrum zurücklege, lautet die Einschätzung von Experten wie Stefan Meister bei t-online. Verbrennt sich "Putins Koch" also die Finger mit seinem Vormarsch?

 

Warum wendet sich Prigoschin gegen Putin?

Fraglich ist, wie spontan der Aufstand Prigoschins ist. Erste Berichte zeigen, wie gut ausgerüstet seine Truppen durch Russland ziehen – inklusive Flugabwehr und anderen schwer gepanzerten Fahrzeugen. Von kilometerlangen Kolonnen ist die Rede. Hat der Söldnerboss einen günstigen Zeitpunkt gewittert, um den Machtkampf mit der russischen Führung für sich zu entscheiden? Schließlich befindet sich die ukrainische Gegenoffensive in einer Anfangsphase und durch das Abrücken der Wagner-Truppen nimmt Prigoschin seine Männer aus der Schusslinie.

Der Militärexperte Carlo Masala bewertet Prigoschins Vorstoß in einem Tweet als "seit längerem vorbereitet". Er könne sich aufgrund der Ausmaße nicht vorstellen, dass Wagner "spontan" agiere.

Schweres Wagner-Gerät: Panzer rollen gen Moskau, angeführt von "Putins Koch" Prigoschin.

Schweres Wagner-Gerät: Panzer rollen gen Moskau, angeführt von "Putins Koch" Prigoschin. (Quelle: Reuters/Stringer)

Prigoschin selbst nennt einen anderen Grund für seinen Putsch. Er wolle das "Böse" in der Militärführung stoppen. Diejenigen, die die Leben Zehntausender russischer Soldaten zerstört hätten, müssten bestraft werden, so der russische Revoluzzer. Das Ministerium halte 2.000 Leichen unter Verschluss, um das Ausmaß der Verluste zu verschleiern. "Wir sind 25.000 und wir werden herauskriegen, warum das Land ins Chaos gestürzt wurde", sagt er. Der größte Teil des Militärs unterstütze ihn. "Das ist kein Militärputsch. Das ist ein Marsch für Gerechtigkeit."

Was will Prigoschin erreichen?

Das ist noch nicht ganz klar. Prigoschin übt erstmals klar Kritik an den Kriegsgründen, die vom Kreml seit fast anderthalb Jahren gebetsmühlenartig wiederholt werden. Jetzt sagt er in einem Video, das Verteidigungsministerium versuche, Putin und die Öffentlichkeit über die Kriegsgründe zu täuschen. Dass von der Ukraine eine Aggression ausgehe und diese gemeinsam mit der Nato Russland angreifen solle, sei eine Lügengeschichte. "Die Spezialoperation wurde aus anderen Gründen begonnen", ist sich Prigoschin sicher.

Wladimir Putin (M.) im Gespräch mit Generalstabschef Waleri Gerassimow (l.) und Verteidigungsminister Sergej Schoigu (Archivbild): Hält der Kreml-Chef an ihnen fest?

Wladimir Putin (M.) im Gespräch mit Generalstabschef Waleri Gerassimow (l.) und Verteidigungsminister Sergej Schoigu (Archivbild): Hält der Kremlchef an ihnen fest? (Quelle: Mikhail Klimentyev/dpa)

"Der Krieg war notwendig, damit Schoigu Marschall werden und eine zweite Heldenmedaille bekommen kann." Außerdem habe sich die russische Elite mithilfe des Kriegs substanzieller Vermögenswerte bemächtigen wollen. "Der Krieg war nicht notwendig, um die Ukraine zu demilitarisieren oder denazifizieren." Nicht das erste Mal, dass Prigoschin die Oligarchen im Land ins Visier nimmt: Bereits in der Vergangenheit hatte er gefordert, diese sollten ihre Milliarden für die Aufrüstung der Armee zur Verfügung stellen.

Ist Prigoschins Truppe stark genug?

Wie viele Söldner im Einsatz sind, ist nicht genau bekannt. Die US-Regierung schätzt ihre Zahl auf 50.000 und hat Sanktionen gegen die als "bedeutende transnationale kriminelle Organisation" eingestufte Gruppe verhängt.

 

Vier Fünftel seien Strafgefangene, die teils wegen Schwerverbrechen verurteilt wurden. Während Wagner früher als Spezialeinheit galt, bestückt mit ehemaligen Veteranen des russischen Militärs und im Kampf erprobt durch die Einsätze unter anderem in Syrien oder Mali, könnte sich das durch das Auffüllen mit Straftätern verändert haben.

Ein Wagnerkämpfer in Rostow am Don: Die Lage zwischen der Privatarmee und Putins Militärführung ist eskaliert.

Ein Wagner-Kämpfer in Rostow am Don: Die Lage zwischen der Privatarmee und Putins Militärführung ist eskaliert. (Quelle: Reuters/Stringer)

Insider des Militärblogs "Rucriminal.info" schätzen die aktuelle Lage als hochbedrohlich ein. "Prigoshin blufft eindeutig nicht, sie haben mindestens 20.000 Kämpfer. Viele von ihnen verfügen über große Erfahrung. Die Entscheidungen bei Wagner werden nicht wie im Verteidigungsministerium von einer Gruppe von Berichterstattern an der Spitze getroffen, sondern fast sofort. Die zur Verteidigung Moskaus eingesetzten Kräfte reichen nicht aus, um sie aufzuhalten."

Kann Russland ohne Wagner den Krieg gewinnen?

Für den Krieg in der Ukraine bedeutet das aus Sicht Putins nichts Gutes. Sollten tatsächlich Tausende Soldaten aus dem Kriegsgebiet abgezogen sein, könnte das Möglichkeiten für die ukrainische Gegenoffensive eröffnen. Ob es zu einem kritischen Wendepunkt in dem Krieg führt, bleibt abzuwarten. Neben den Kräfteverhältnissen in der Ostukraine und im Süden des Landes könnte noch ein anderer Faktor entscheidend sein: die Situation im Inneren Russlands.

Wenn russische Militärs im eigenen Land gebunden werden, fehlt es an Kapazitäten für die Ukraine. "Die Privatisierung militärischer Einheiten, wie bei Prigoschins Söldnerarmee, rächt sich jetzt. Der russische Staat hat in Teilen das Gewaltmonopol verloren", so Russlandforscher Stefan Meister zu t-online.

Hat Prigoschin jetzt Zugriff auf Nuklearwaffen?

Das Portal "Visegrád 24", spezialisiert auf Osteuropa, berichtet über Atomwaffenarsenale in der Region, die Wagner eingenommen hat. Demnach handle es sich um den "südlichen Militärbezirk", womit unter anderem die Region um Rostow gemeint sein dürfte. "Prigoschin könnte bald Atomwaffen in seinen Händen halten", heißt es in dem Bericht.

Was genau das für eine mögliche militärische Eskalation bedeutet, ist indes völlig unklar. Zwar hatte Putin immer wieder Drohungen gen Westen ausgesprochen, dass Russland eine Atommacht sei und über ein umfangreiches Arsenal an Nuklearwaffen verfüge; ein tatsächlicher Einsatz ist ohnehin nicht ohne Weiteres möglich.

Es verfügen in Russland offiziell drei Personen über die Atomkoffer mit den darin enthaltenen Codes. Damit können sie den Einsatzbefehl für strategische Raketen, Fernbomber oder auch Atom-U-Boote erteilen. Wie es die Ironie hinter dem aktuellen Machtkampf Prigoschins gegen die Militärführung so will, sind diese drei Männer Präsident Putin, Generalstabschef Waleri Gerassimow und Verteidigungsminister General Sergej Schoigu – also eben jene, mit denen sich der Wagner-Chef mit seinem Aufstand nun auf Kriegsfuß befindet.

https://www.t-online.de/nachrichten/ukraine/id_100197242/prigoschin-in-russland-putins-koch-koennte-sich-die-finger-verbrennen.html