Professor Wiesendanger: Drosten hat unter Eid die Unwahrheit gesagt

Von Janina Lionello

Mit einer Klage gegen den Hamburger Physik-Professor Roland Wiesendanger wehrte sich der Virologe Christian Drosten Anfang des Jahres gegen dessen Behauptung, er habe bei der Vertuschung eines möglichen Laborursprungs von SARS-CoV-2 mitgewirkt. In den USA wurden nun Mails veröffentlicht, die bislang unbekannte Details zur Absprache verschiedener Wissenschaftler – unter ihnen auch Drosten – enthalten.

Wir haben mit Prof. Wiesendanger gesprochen, er sieht sich in seiner Annahme bestätigt – und erhebt schwere Vorwürfe. 

Pleiteticker.de: Herr Wiesendanger, was ist aus Ihrer Sicht an den E-Mails besonders brisant? 

Prof. Wiesendanger: Aus deutscher Sicht sicher der Part, der den Virologen Christian Drosten betrifft. Er hat mich ja verklagt und im Zuge dieser Klage eine eidesstattliche Versicherung abgegeben. Darin stehen einige Punkte, die nach jetzigem Stand der Erkenntnisse höchst zweifelhaft erscheinen. Am widersprüchlichsten ist seine Aussage zu einem Artikel, der im März 2020 im Fachmagazin „Nature Medicine“ zum Thema Virusursprung veröffentlicht wurde. Dazu hat er versichert: „Mir war diese Veröffentlichung vor Einreichung nicht bekannt”. Die Mails zeigen nun: Diese Aussage ist unwahr. Da gibt es keinen Interpretationsspielraum. Das ist definitiv eine Falschaussage, die man nun eindeutig belegen kann. 

Wie kommen Sie zu diesem Schluss? 

Das Dokument mit der Vorversion des Artikels wurde mehrfach als Anhang in den Mails hin und her geschickt. Allein aufgrund der Figuren und ganzer Textteile kann man es der endgültigen Publikation in „Nature Medicine” zuordnen. Es steht vollkommen außer Diskussion, dass Herr Drosten die Vorversion kannte, da er auf dem Mail-Verteiler war. 

Ich habe die Mails auch gelesen, finde es aber nicht ganz so eindeutig. 

Es geht nicht um die Mail von Herrn Drosten vom 9. Februar 2020, die nun überall zitiert wird, und die Sie auch in Ihrem Artikel (Pleiteticker.de berichtete) benannt haben, sondern um eine vom 8. Februar 2020, und zwar um 12.38 Uhr. Da schreibt Herr Drosten in Reaktion auf einen anderen Kollegen, der die Vorversion der Arbeit kommentiert hatte. „Okay, I see, we should then introduce references to these informal sources in the beginning of the text. Else it reads a bit funny.” Der Bezug ist eindeutig durch die zeitliche Abfolge der Nachrichten, weil es ausschließlich um eben jenen Entwurf dieser Publikation ging. Damit ist bewiesen, dass Herr Drosten nicht nur auf dem Verteiler dieser Vorabversion war, sondern diese gelesen und selbst Beiträge geliefert hat. 

Warum ist diese Veröffentlichung in „Nature Medicine” Ihrer Ansicht nach so wichtig? 

Sie ist eine von zwei Publikationen in wissenschaftlichen Fachmagazinen, die die spätere Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, ein Laborursprung von SARS-CoV-2 sei eine „Verschwörungstheorie“, maßgeblich geprägt haben. Die eine war eine Stellungnahme in der Zeitschrift „The Lancet“, in der 27 Wissenschaftler genau das behaupteten, und die Herr Drosten mitunterschrieben hat. Die andere war der Artikel in “Nature Medicine” – von dem er bisher behauptet hatte, nicht beteiligt gewesen zu sein. 

Glauben Sie wirklich, dass allein diese beiden Veröffentlichungen einen derart großen Einfluss hatten? 

Das hatten sie definitiv. Alle Unterzeichner waren namhafte Wissenschaftler. Nach den Veröffentlichungen wurde jede Überlegung, die in Richtung eines Laborursprungs der Pandemie gingen, im Keim erstickt, zur „Verschwörungstheorie“ erklärt und in sozialen Medien zensiert. Politiker wie Frau Merkel, Herr Scholz und Herr Söder sprachen in der Folgezeit in öffentlichen Statements von einer Naturkatastrophe. Selbstverständlich hatten sie das nicht selbst untersucht. Sie haben sich auf das verlassen, was sogenannte „Experten“ ihnen gesagt haben. 

Warum wurden diese Artikel überhaupt verfasst? 

Es hieß, man wollte sich solidarisch zeigen mit chinesischen Wissenschaftlern, damit diese nicht in Verruf gerieten. Aber Fakt ist, dass 25 der 27 Virologen, die den offenen Brief in „The Lancet“ unterschrieben haben, Kontakte und auch Kooperationen mit dem Wuhan-Institut in China hatten. Auch Herr Drosten. Der Organisator dieses offenen Briefs war ausgerechnet Peter Daszak, der in die hoch riskanten Experimente zur Herstellung künstlicher hybrider Coronaviren mit weltweitem Pandemiepotential in Wuhan persönlich involviert war. 

Sie behaupten also, diese Wissenschaftler hätten sich abgesprochen? 

Natürlich haben sie das, das ging ja bereits aus den Anfang des Jahres veröffentlichten sogenannten „Fauci“-Mails hervor. Es gab Ende Januar 2020 klare Hinweise auf einen Laborursprung von SARS-CoV-2. Vor einer gemeinsamen Telefonkonferenz am 1. Februar 2020 vertraten mehrere Wissenschaftler die Auffassung, dass es zahlreiche Auffälligkeiten in der Gensequenz des Virus gab, die einen natürlichen Ursprung sehr unwahrscheinlich erscheinen ließen. Hinterher behaupteten dann plötzlich alle geschlossen, es wäre eine „Zoonose“ gewesen und die Laborhypothese sei eine „Verschwörungstheorie“. Wir wissen nicht, was in der Telefonkonferenz selbst besprochen wurde, aber die Mails sprechen eine klare Sprache. 

Aus welchem Grund sollten die Wissenschaftler das getan haben? 

Das liegt auf der Hand: Wenn der breiten Öffentlichkeit kommuniziert würde, dass SARS-CoV-2 aus dem Labor stammt und diese weltweite Katastrophe durch experimentelle Forschung ausgelöst wurde, dann hätte das unabsehbare Konsequenzen für die virologische Forschung. 

Welche? 

Der öffentliche Druck im Hinblick auf Beschränkungen und strikte Regulierung von hoch riskanter biotechnologischer Forschung würde extrem steigen. Die Problematik der „Gain-of-function“-Forschung, bei der man Viren künstlich ansteckender, gefährlicher und tödlicher macht, war bereits 2014 Thema im Deutschen Bundestag. Dieser beauftragte den Ethikrat, diesen Forschungszweig zu beleuchten und Empfehlungen abzugeben. Die Grünen stellten daraufhin einen Antrag, in dem eine gesetzliche Regulierung von biosicherheitsrelevanter Forschung gefordert wurde. Dieser wurde jedoch mehrheitlich vom Bundestag abgelehnt. Heute hört man aus der Politik gar nichts mehr zu diesem Thema, obwohl es noch nie so aktuell gewesen ist. 

War Drosten nicht einer der Wissenschaftler, die damals für Gain-of-Function-Forschung lobbyiert haben? 

Herr Drosten hat bereits 2012 in einem Interview der „Frankfurter Allgemeine“ zum Thema „Biosicherheit künstlicher Viren“ gemeinsam mit zwei anderen Wissenschaftlern gesagt, dass „wir die Risiken aushalten müssen“. Das mag die Meinung von Virologen sein, die selbst diese Forschung betreiben, wie es bei Herrn Drosten der Fall ist. Ob dies allerdings die Meinung der Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland, in der Schweiz, in Österreich und weltweit ist, muss dringend hinterfragt werden, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Erfahrungen der vergangenen drei Jahre. Es ist unethisch, solche existenziellen Fragen der Menschheit lediglich Repräsentanten einer wissenschaftlichen Fachrichtung zu überlassen, die offensichtliche Interessenkonflikte haben. 

Warum ist der Antrag der Grünen damals im Bundestag abgelehnt worden? 

Der Deutsche Bundestag befürwortete damals eine Selbstregulierung der Wissenschaft, basierend auf einer gemeinsamen Stellungnahme der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Man setzte dabei auf die freiwillige Regulierung der Wissenschaft und deren Eigenverantwortung. 

Und Sie glauben das nicht: Dass Wissenschaft in Eigenverantwortung handeln kann? 

Zumindest einige Wissenschaftler tun dies erwiesenermaßen nicht. Es gab letztes Jahr einen sehr intelligent geschriebenen Artikel in einem US-Magazin, der das gut analysierte. Die Quintessenz war, dass die Wissenschaft in einer der schlimmsten Zeiten nicht in erster Linie die Menschheit, sondern sich selbst geschützt hat. Man kann diese zugespitzte Formulierung diskutieren, aber der Kernthese stimme ich zu: Man hat versucht, negative Auswirkungen auf das Ansehen der Wissenschaft abzuwenden, indem man einen Laborursprung von SARS-CoV-2 ausschloss, anstatt frühzeitig alles zu tun, um aus der Kenntnis des Virusursprungs heraus die geeignetsten Maßnahmen für den Schutz der Menschen zu treffen. 

Sie sind also wirklich überzeugt, dass SARS-CoV-2 aus dem Labor stammt? 

Die Beweislast ist erdrückend und es gibt immer mehr Zeugenaussagen in dieser Richtung. Ich weiß nicht, ob Sie Kenntnis davon haben, dass Wissenschaftler in den USA schon 2018 einen Forschungsantrag bei der Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) des amerikanischen Verteidigungsministeriums eingereicht haben, in dem praktisch eine Syntheseanleitung für ein SARS-CoV-2 artiges Virus beschrieben wurde. Um das „Pandemiepotential“ von Hybrid-Coronaviren zu testen, wollte man eine Furinspaltstelle in Sars-artige Coronaviren einbauen. Damit verleiht man den künstlich erzeugten Hybridviren die Möglichkeit, leichter in menschliche Atemwegszellen einzudringen. 

Dieser Antrag ist mir bekannt. Er wurde allerdings abgelehnt! 

Das stimmt nur teilweise. Die DARPA hat den Antrag in der Tat abgelehnt, mit der Begründung, diese Art von Experimenten sei zu gefährlich und die Antragsteller hätten keine Risikoanalyse durchgeführt. Allerdings hat Peter Daszak, der Hauptantragsteller, kurz nach dieser Ablehnung durch die DARPA neue Geldmittel von den National Institutes of Health, genauer gesagt der Unterabteilung von Dr. Fauci, für die Fortsetzung der hoch riskanten „Gain-of-function“-Experimente gemeinsam mit Forschern in Wuhan erhalten. Im Januar 2020 hatten dann mehrere namhafte Virologen gerade diese Furinspaltstelle in der Gensequenz von SARS-CoV-2 gefunden und als wesentlichen Hinweis auf einen Laborursprung gesehen, da diese Furinspaltstelle bei natürlichen SARS-artigen Coronaviren nicht vorkommt. Nachdem dieser Forschungsantrag im vergangenen Jahr weltweit bekannt wurde, hätte die Justiz sofort tätig werden müssen. Es steht der dringende Tatverdacht der fahrlässigen Tötung von Millionen Menschen im Raum. 

Hat es jemals eine Untersuchungskommission gegeben, die das geprüft hat? 

Nein, und das kann ich nicht verstehen. Nehmen Sie beispielsweise Zugunglücksfälle wie zuletzt in Bayern oder jüngst zwischen Hannover und Berlin: Man setzt sofort Untersuchungskommissionen ein und analysiert die Ursache, ob menschliches oder technisches Versagen ausschlaggebend war. Sogar bei einem ausschließlichen Sachschaden, wenn keine Todesfälle zu beklagen sind. 

Nun haben wir Millionen Tote weltweit aufgrund der Corona-Pandemie; wir alle waren von den direkten Auswirkungen und den Maßnahmen betroffen; und dann sind da noch die wirtschaftlichen Konsequenzen, die auch noch lange in der Zukunft spürbar sein werden. Da sollte man sich schon die Frage stellen: Warum hat man nicht gleich zu Beginn eine ernsthafte Untersuchung eingeleitet und warum müssen wir darauf noch heute warten? 

Werden Sie sich gegen die Klage von Herrn Drosten noch einmal juristisch wehren? 

Anders als von den meisten Medien berichtet, ist der Beschluss des Landgerichts Hamburg noch nicht endgültig. Ich habe unmittelbar nach der Entscheidung Beschwerde eingelegt. 

Mit den nun veröffentlichten Mails hat das Ganze aber eine neue Dimension erhalten, und es geht nicht mehr nur darum, welche Äußerungen ich tätigen darf und welche nicht. Wenn Meineid geleistet wurde, dann hat das strafrechtliche Relevanz. Darüber hinaus werde ich mir alles offenhalten, auch die Offenlegung und Verfolgung möglicherweise strafbarer Handlungen auf internationaler Ebene, gemeinsam mit Wissenschaftskollegen aus dem Ausland.

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