Plant Putin schon den Rückzug?

War die Zerstörung des Kachowka-Damms erst der Anfang? Immer wieder gibt es Berichte über russische Sabotage von Staudämmen in der Ukraine. Es könnte ein Anzeichen dafür sein, dass Wladimir Putin nicht mehr an einen Sieg glaubt.

Die Zerstörungen sind für viele Menschen außerhalb der Ukraine unvorstellbar. Nach dem Bruch des Kachowka-Staudamms in Cherson im Juni wurden ganze Landstriche unter Wasser gesetzt. Die Wassermassen spülten Häuser, Menschen, Tiere fort. Giftstoffe – Öl, Benzin und Chemikalien – verseuchten wahrscheinlich für viele Jahre den Boden. Die tatsächlichen Folgen der Katastrophe werden erst nach dem Kriegsende sichtbar sein.

Das Sprengen oder die Zerstörung von Staudämmen ist eine brutale Kriegspraktik, die in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr angewandt wurde. Die Genfer Konventionen verbieten diese Angriffe, weil Staudämme keine militärischen Ziele sind. Doch die russische Armee attackiert schon seit Kriegsbeginn immer wieder zivile Infrastruktur – und es mehren sich die Berichte über die angebliche Sabotage von ukrainischen Staudämmen im Süden des Landes durch Russland.

Das wäre eine Taktik der verbrannten Erde. Aber die Zerstörung oder Beschädigung von Staudämmen könnte deswegen auch ein Zeichen dafür sein, dass Wladimir Putin davon ausgeht, dass er mittelfristig den Süden der Ukraine militärisch nicht halten kann. Warum sollte Russland sonst das Land verwüsten, das man eigentlich besetzen wollte?

 

 

 

 

Angriffe auf Dämme nehmen scheinbar zu

Vor Beginn der russischen Invasion waren Staudämme und Wasserkraftwerke für zehn Prozent der Energiegewinnung in der Ukraine verantwortlich. In der Sowjetzeit bauten Ingenieure sechs Dämme entlang des ukrainischen Teils des Flusses Dnipro, der sich von der Grenze zu Belarus südlich bis zum Meer erstreckt. Zwischen den Dämmen legten sie eine Reihe riesiger Stauseen an, um Haushalte und Industrie mit Wasser zu versorgen und Ackerland zu bewässern.

Dementsprechend sind die Staudämme nicht nur für die Stromgewinnung verantwortlich, sondern sie versorgen die Bevölkerung mit Trinkwasser und auch die Landwirtschaft entlang der Flüsse ist oft auf Bewässerung durch die Stauseen angewiesen.

Deshalb sind Angriffe auf diese kritische Infrastruktur im Zuge des Krieges besonders verheerend für die Zivilbevölkerung. Der Bruch des Kachowka-Staudamms ist das bekannteste Beispiel, aber es gibt immer mehr Berichte über angebliche Angriffe auf Staudämme, vor allem im russisch-besetzten Teil der Südukraine:

  • Im September 2022 wurde ein Staudamm in der Nähe der Stadt Krywyj Rih bei einem mutmaßlichen Raketenangriff getroffen. Die Ukraine machte dafür Russland verantwortlich.

  • Im Oktober 2022 gab es Berichte über Raketenangriffe auf Staudämme bei Krementschuk und am Fluss Dnister.

  • Im November 2022 kam es am Kachowka-Staudamm zu einer Explosion, für die sich die Ukraine und Russland gegenseitig die Schuld gaben.

     

    Im Dezember 2022 und Februar 2023 soll das Wasserkraftwerk Dnipro in der Nähe von Saporischschja angegriffen worden sein. Die Ukraine gab Russland die Schuld.

  • Im Mai 2023 zerstörten russische Angriffe nach Angaben der Ukrainer einen Stausee in der Nähe von Donezk.

  • Am 6. Juni brach der Kachowka-Staudamms in Cherson. Zuvor hatte die russische Armee die Anlage mit dem Wasserkraftwerk unter seiner Kontrolle. Experten vermuten auch deshalb, dass Russland den Staudamm gesprengt hat.

  • Nach Angaben der Ukraine zerstörten russische Streitkräfte im Juni 2023 einen Staudamm am Fluss Mokri Jaly in der Nähe von Nowodarjiwka in Luhansk.

Taktische Reaktion auf ukrainische Gegenoffensive

Vieles von dem, was in der Ukraine passiert, befindet sich im Nebel des Krieges. Es ist völlig unklar, welche Angriffe auf Dämme es gab und wer letztlich dafür verantwortlich ist. Die Bedrohung durch die Sabotage von Dämmen und Kraftwerken sind längst zum Teil des Informationskrieges geworden. Aber die Eskalation durch den Bruch des Kachowka-Staudamms – vermutlich durch eine russische Sprengung – könnte ein Anzeichen dafür sein, welche Kriegstaktik Putin verfolgt.

Der Bruch des Staudamms in Cherson geschah mit dem Beginn der ukrainischen Gegenoffensive. "Den Zeitpunkt halte ich für verdächtig, und ich kann mir gut vorstellen, dass bei der Vorbereitung der Sprengung durch russische Einheiten ein Unglück passierte und sie sich selbst in die Luft gejagt haben", meint Christian Mölling, Sicherheitsexperte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politikim Gespräch mit t-online. "Für eine russische Sprengung spricht auch, dass vorher Wasser aufgestaut wurde und dass somit ein Bruch des Dammes geplant war."

Nach der Sprengung konnte Russland vom östlichen Dnipro-Ufer Truppen in Richtung Osten verlegen, um sich in Saporischschja der ukrainischen Gegenoffensive entgegenzustellen. Durch die Wassermassen wurde es für die Ukraine unmöglich, in Cherson Entlastungsangriffe über den Dnipro zu tätigen.

 

 

 

Hat Putin den Glauben verloren?

Andere Expertinnen und Experten sehen Angriffe auf Staudämme als Teil der russischen Kriegsführung, um die ukrainische Infrastruktur nachhaltig zu schwächen. "Dies ist Teil der russischen Strategie, die Energiekapazität der Ukraine zu zerstören", sagte Marina Miron, Forscherin für Verteidigungsstudien am King's College London, dem britischen Sender BBC. "Früher erzeugten die Wasserkraftwerke knapp über 6.000 Megawatt Strom. Nach den Angriffen sind rund 2.500 Megawatt Leistung weggefallen."

Doch Russland würde sich damit auch ins eigene Bein schießen, denn Putin hält an seinen Kriegszielen fest und scheint zumindest öffentlich davon auszugehen, dass die russische Armee die Südukraine und die Landbrücke von der annektierten Schwarzmeerhalbinsel Krim zum russischen Festland langfristig halten kann. Wenn das stimmt, scheint Russland aktuell Teile der Infrastruktur des Gebietes zu zerstören, welches man kontrollieren möchte.

Experten vermuten dahinter eine mögliche Exit-Strategie Russlands. "Dass die Russen nun weitere Dämme im Süden gesprengt haben sollen, könnte ein Zeichen dafür sein, dass sie glauben, den Süden der Ukraine nicht dauerhaft besetzen zu können und sich zurückziehen müssen", erklärt Mölling. Damit würden sie die ökonomische Lebensgrundlage der Ukraine für Jahre zerstören. "Dann haben sie vielleicht einen langfristigen Plan, indem sie in zehn Jahren oder so das Land wieder angreifen."

Der russische Fokus scheint momentan ausschließlich darauf zu liegen, die ukrainische Gegenoffensive abzuwehren. Laut einem Bericht der ukrainischen Menschenrechtsgruppe "Kharkiv Human Rights Protection Group" (KhPG) soll die russische Besatzungsverwaltung in der Nähe eines Vororts von Tokmak in der Oblast Saporischschja einen Damm in den Fluss Tokmachka gebaut haben. Auch Satellitenbilder sollen die angestiegenen Wasserstände zeigen.

Das Ziel sei laut Militärexperten klar: Wenn Straßen und Felder überflutet sind, fällt es der Ukraine deutlich schwerer, mit motorisierten Kräften vorzustoßen. Neben Gräben und Panzersperren baut die russische Armee also auch natürliche Hindernisse, die Durchbrüche an den Frontlinien verhindern sollen. Den Preis dafür zahlt offenbar erneut die ukrainische Bevölkerung, deren Land verwüstet wird.

https://www.t-online.de/nachrichten/ukraine/id_100196986/zerstoerte-staudaemme-im-ukraine-krieg-bereitet-putin-russischen-rueckzug-vor-.html