Pilotprojekt für Windräder auf Hochhaus-Dach kommt nicht voran

Windräder drehen sich auf dem Dach eines Hochhauses - und die Bewohner darunter haben Strom: Dieses Projekt der Wohnungsbaugesellschaft Howoge sollte Signalwirkung haben. Doch die Genehmigung zieht und zieht sich - mit ungewissem Ausgang. Von Anja Herr

Anfang Januar war Stefan Schautes noch zuversichtlich. Optimistisch spazierte der Bereichsleiter Neubau der Berliner Wohnungsbaugesellschaft Howoge auf dem 64 Meter hohen Wohnhaus "Liese" umher, wohlwollend betrachtete er die bereits vorhandenen Betonsockel: Hier sollten sie stehen - die 20 Meter hohen Windräder.

"Genehmigung noch nicht absehbar“

Kleinwindanlagen sollen die 100 Mietparteien in der Frankfurter Allee in Berlin-Lichtenberg direkt mit grünem Strom versorgt - so zumindest der Plan. Ein Novum. "Das ist eine Erstinstallation, wir müssen die Windkraftanlage testen. Und wenn das hier funktioniert, dann wird das sehr wahrscheinlich auch auf andere Projekte ausstrahlen", sagte Schautes. "Wir müssen die Stadt darauf vorbereiten, dass so was zukünftig zur Stadt, zum Wohnen dazugehört."

Aber: Wird es tatsächlich einmal dazugehören? Mittlerweile scheint fraglich, ob die kleinen Windräder auf dem Dach jemals genehmigt werden. "Das Verfahren läuft noch. Es braucht Zeit, weil es ein sehr komplexes Pilotprojekt ist", heißt es aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Und Sprecher Martin Pallgen sagt sogar: "Wann eine Genehmigung erfolgen kann, ist derzeit noch nicht absehbar." Es gehe um bauordnungsrechtliche Details - wie zum Beispiel Standsicherheit, Brandschutz, Erschütterungsschutz, Schallschutz oder Verkehrssicherheit. Dazu sei die Verwaltung im Gespräch mit der Howoge. Aber Fakt ist auch: Im Gespräch sind Howoge, Bezirk und Senat schon sehr lange.

Bezirk lehnte Projekt von Anfang an ab

Bereits seit 2021 arbeitet die Howoge auf eine Genehmigung der Windräder hin. Im April vergangenen Jahres dann der erste Dämpfer: Der Bezirk genehmigt die Windkraftanlagen nicht. Das Vorhaben sei planungsrechtlich nicht zulässig, da es sich nicht in die Umgebung einfüge, so die Begründung. Durch sich drehende Rotoren drohe Eisabwurf auf die Frankfurter Allee und auf das Bahngelände. Die benachbarten Grundstücke seien durch Schattenwurf und Lichtreflexionen der Rotoren beeinträchtigt, die Bewohner des Hauses möglicherweise durch Geräusche des Getriebes. Außerdem solle das Dach von den Mietern zur Erholung genutzt werden - es sei fraglich, ob das möglich sei, wenn sich dort eine Windkraftanlage befinde.

Doch die Howoge hält an dem Projekt fest, legt Widerspruch gegen die Entscheidung des Bezirks ein. Daraufhin betreut die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung den Genehmigungsprozess - und zeigt sich optimistisch, teilt im August 2022 zu den Windrädern mit: "Grundsätzlich unterstützen wir das Vorhaben und nach erster Einschätzung ist es auch genehmigungsfähig, wenn noch ausstehende Nachweise erbracht werden."

Daraufhin plötzlich auch positive Signale aus dem Bezirk: Eine Genehmigung könne möglicherweise noch vor Weihnachten erfolgen, teilte Stadtrat Kevin Hönicke (SPD) Mitte Dezember mit. Im Februar hieß es, es könnte Ostern werden. Und kurz vor Pfingsten verwies Hönicke wieder auf die Senatsverwaltung, die prüfe, ob das Vorhaben genehmigungsfähig sei.

Bahn, Bundeswehr und Umweltverwaltung stimmen zu

Zu einer Entscheidung konnte diese sich aber immer noch nicht durchringen. Und das, obwohl mittlerweile alle notwendigen Nachweise vorliegen: Beteiligt wurden neben der Deutschen Bahn auch die Bundeswehr sowie die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt. Alle stimmen dem Vorhaben grundsätzlich zu. Die Umweltverwaltung erwartet allerdings, dass nach Inbetriebnahme noch Geräuschmessungen erfolgen. Die Einschätzung, dass der Betrieb der Anlage immissionschutzrechtlich vertretbar sei, erfolge daher unter Vorbehalt.

Auch eine Baufirma muss noch gefunden werden

Die Howoge hofft unterdessen weiterhin auf eine Baugenehmigung. Erst dann könne man eine Ausschreibung starten und ein Unternehmen binden, das die Anlage entwickelt, heißt es. Denn Kleinwindanlagen für Wohngebäude seien nicht auf dem Markt erhältlich, die Anlagen müssten speziell für das Wohnhaus "Liese" entwickelt werden. Eine Firma, die für die Produktion der Windräder angedacht war, ist laut Bezirk mittlerweile insolvent. Es seien aber noch mit weiteren Unternehmen bereits Machbarkeitsstudien und Untersuchungen erstellt worden, die in Frage kämen, teilte die Howoge mit.

Voraussetzung für eine Ausschreibung wäre eine Genehmigung der Windkraftanlagen, die letzten Endes der Bezirk erteilen muss. Baustadtrat Hönicke betonte allerdings, der Bezirk werde sich der Entscheidung der Senatsverwaltung anschließen. Prinzipiell fände er es gut, wenn auf Dächern von Wohnungsbaugesellschaften Windräder Strom produzieren könnten – auch weil das zu günstigeren Strompreisen für die Mieter führen würde. Ob es aber dazu jemals kommt, ist offen.

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