Makkabis Pokalspiel gegen Wolfsburg ist mehr als ein sportliches Wunder

Der Klub Makkabi Berlin steht vor dem größten Spiel seit seiner Neugründung 1970. Die DFB-Pokal-Partie gegen den VfL Wolfsburg bietet dem jüdischen Verein auch die Chance, zu einem Thema abseits des Antisemitismus in die Schlagzeilen zu kommen.

Die Doku "Inside Makkabi" sehen Sie am Samstag, 17:25 Uhr, im rbb Fernsehen.

Michael Koblenz hat viel zu tun. "Das Stresslevel ist hoch", sagt er. Man trifft den Sportvorstand des TuS Makkabi im Mommsenstadion in Berlin-Charlottenburg. Hier soll am Sonntag (15:30 Uhr) die seit langem ersehnte Partie stattfinden zwischen Makkabi und dem VfL Wolfsburg, erste Runde des DFB-Pokals. Für den Wettbewerb konnten sich die Berliner als Fünftligist qualifizieren, aber vor allem: als erster jüdischer Klub.

Durch den 3:1-Finalsieg gegen Sparta Lichtenberg holte das Team im Juni den Berliner Landespokal und sicherte sich damit die Chance, an dem nationalen Turnier teilzunehmen, in dem die Amateurmannschaften immer wieder mal die ganz Goßen ärgern dürfen.

Koscheres Catering

"Als wir hier den Sieg gefeiert haben, war die Freude riesengroß, gestandene Männer haben geweint", erzählt Koblenz, ein eleganter Mann in braunem Stoffsakko. Er fügt hinzu: "Da hat noch keiner überblickt, was das für den Verein nicht nur historisch, sondern auch organisatorisch bedeutet."

Der Verein habe ein Handbuch des DFB erhalten mit Informationen, was es alles zu berücksichtigen gelte: "Du bist mit Themenfeldern konfrontiert, die du nicht kennst. Technik - wo kommen die Kameras hin? Wie organisieren wir die Hospitality? Wie bekommen wir die Genehmigung für die Plätze hier? Das mussten wir uns relativ autark erarbeiten." Man werde es aber hinkriegen bis zum großen Spiel.

Beim Catering wird dabei eine Besonderheit auf die Zuschauer warten: Schweinefleisch wird es nicht geben. Der Klub verzichtet auf nicht-koscheres Essen beim Spiel. "Wir sind ein jüdischer Verein", erläutert Koblenz. "Was nicht heißt, dass wir uns als religiöser Verein verstehen."

Einst 40.000 Mitglieder

Tatsächlich sind im Kader nur zwei jüdische Spieler gelistet. Es handelt sich um einen Multikulti-Klub, mit Spielern aus aktuell 14 verschiedenen Nationen. Makkabi verfügt aber über eine jüdische DNA. "Es ist für uns schon wichtig, und auch eine Verantwortung, die wir spüren, jüdischen Sport sichtbar zu machen in Berlin", sagt der 48-Jährige.

Im Jahr 1898 wurde der Klub noch unter dem Namen "Bar Kochba" gegründet. Schnell entwickelte er sich zu einem festen Bestandteil des Berliner Sports. In den 1920er Jahren verfügte er über rund 40.000 Mitglieder, erzählt Koblenz. Der Klub sei "extrem populär" gewesen.

"Durch die Machtübernahme Hitlers kam der Verein zunehmend in die Bredouille. Die Aktivitäten sind eingeschränkt worden, bis es 1938 zur kompletten Schließung kam." Es folgte die versuchte Vernichtung des jüdischen Lebens in Europa, mit der Ermordung von etwa sechs Millionen Juden.

Es waren Überlebende des Holocausts, die sich für die Neugründung eines jüdischen Vereins in Berlin einsetzten - auch als Zeichen, "dass wir wieder selbstbewusst da sind", so Koblenz. 1970 wurde der Turn- und Sportverein Makkabi Berlin neu ins Leben gerufen.

Antisemitische Vorfälle in unteren Ligen

Einer der Gründer war Marian Wajselfisz. Heute ist der Klubälteste 85 Jahre alt. Ob er die Partie gegen den VfL Wolfsburg besuchen werde? "Na klar gehe ich hin", sagt er im Gespräch mit dem rbb. "Ein jüdischer Verein spielt gegen einen Bundesligisten. Das ist doch einmalig." Er vergisst nicht, auf die eigenen Gesetze des Pokals zu verweisen: "Man weiß nie, wie es ausgeht."

Als kleiner Junge hielt sich Wajselfisz zwei Jahre lang in einem Keller versteckt, um von den Nazis nicht entdeckt zu werden. Er spürt die Verantwortung, über die Wurzeln des Klubs Makkabi aufzuklären. Zuletzt besuchte er das Trainingslager von Makkabi und berichtete vor der Mannschaft sowie vor angereisten Kindern der E- und F-Jugend über seine Erlebnisse während der Judenverfolgung.

Denn auch heute, fast 80 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs, erleben Juden noch Vorurteile und teilweise Hass. Bei der Partie zwischen den U19-Teams von Makkabi und Hertha 06 im vergangenen Jahr zeigten Spieler der gegnerischen Mannschaft den Hitlergruß, aus dem Publikum ertönten antisemitische Beschimpfungen. 2015 wurde ein Spieler der 3. Mannschaft Makkabis während einer Begegnung erst getreten und dann wegen seiner Religion beleidigt [tagesspiegel.de].

Im Ligabetrieb der ersten Mannschaft hingegen, so sagen es Spieler und Trainer des aktuellen Teams, hätte man keine Anfeindungen erlebt, die sich auf die jüdische Identität des Vereins beziehen. "Wir können prinzipiell im Fußball festhalten, je höher man spielt, desto weniger Probleme haben wir mit Antisemitismus", sagt Koblenz. "Wenn es im Nahostkonflikt wieder heißer zugeht, dann ist auch auf den Plätzen die Gefahr größer, dass es zu Konflikten oder antisemitischen Äußerungen kommt, wenn du gegen gewisse Mannschaften spielst", sagt er.

In der anstehenden Partie gegen den VfL Wolfsburg sieht Michael Koblenz nun eine Chance: "In der Vergangenheit wurden wir von den Medien nur kontaktiert, wenn es mal wieder antisemitische Vorfälle gab. Jetzt haben wir erstmals die Möglichkeit, uns zu einem positiven Thema zu äußern."

"Verein zunehmend sexy"

Der Verein gliedert sich in sechs Abteilungen, wie Schach, Basketball oder eben Fußball. 550 Mitglieder zählt Makkabi insgesamt. Das sei "ausbaufähig", findet Koblenz. "Wir merken aber, der Verein wird zunehmend sexy. Vor allem durch die Erfolge der ersten Herrenmannschaft wurde die Sichtbarkeit erhöht."

Je nachdem, wie die Partie am Sonntag gegen den VfL Wolfsburg ausgeht, könnte die öffentliche Aufmerksamkeit sich noch weiter vergrößern - was für Michael Koblenz sicher noch mehr Stress bedeuten würde. Es dürfte allerdings willkommener Stress sein.

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