Kollaps des Putin-Regimes "nur noch eine Frage der Zeit"

Die Söldnergruppe Wagner wagt den bewaffneten Aufstand gegen Putin. In der Ukraine beobachtet man die Geschehnisse genau – und prophezeit "eine neue Ära von Instabilität in Russland".

Noch vor Wochen warnte er vor eine Revolte in Russland, nun ist er selbst ihr Drahtzieher: Jewgeni Prigoschin und seine Söldnertruppe Wagner haben offenbar die russische Großstadt Rostow am Don und weitere Orte in der Region unter ihre Gewalt gebracht.

 

Der offene Putschversuch gegen das Regime von Wladimir Putin führt bereits zu heftigen Gefechten zwischen Söldnern und der regulären Armee: Videos auf russischen Telegram-Kanälen zeigen offenbar, wie russische Helikopter Wagner-Stellungen in der Region Rostow bombardieren. Alle aktuellen Entwicklungen können Sie hier im Newsblog verfolgen.

In der Ukraine beobachtet man die Ereignisse in Russland genau. "Wer den Weg des Bösen wählt, zerstört sich selbst", schrieb der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Samstag auf Telegram. Russland habe lange Zeit Propaganda benutzt, um die "Schwäche und Dummheit seiner Regierung" zu verschleiern.

"Neue Ära von Machtverfall und Instabilität"

Doch je länger Russland seine Truppen in der Ukraine halte, "desto mehr Chaos, Schmerz und Probleme" werde das Land selbst erleiden. Selenskyj-Berater Mychajlo Podoljak sieht in den nächsten 48 Stunden eine kritische Phase, in der sich gar entscheide, ob es zu einem Bürgerkrieg komme oder der Putschversuch politisch beendet werden könne.

Auch aus Sicht des früheren ukrainischen Botschafters in Deutschland, Andrij Melnyk, ist das Regime Putins angezählt. "Mit dem Wagner-Putsch wurde der Rubikon überschritten und eine neue Ära von Machtverfall und Instabilität in Russland eingeläutet", so Melnyk zu t-online. Dem Kremlchef könnte es zwar am Ende gelingen, den Aufstand blutig niederzuschlagen und "halbwegs Ordnung wieder herzustellen", doch das werde den Kreml "nicht vor dem sich anbahnenden inneren Chaos bewahren".

"Der totale Zusammenbruch des bankrotten Putin-Regimes ist nur eine Frage der Zeit", so Melynk, der vor seiner Ernennung zum Botschafter in Brasilien Vizeaußenminister der Ukraine war.

Andrij Melnyk: Er war ukrainischer Botschafter.

Andrij Melnyk: Der Ex-Botschafter in Deutschland ist neuer ukrainischer Botschafter in Brasilien. (Quelle: Metodi Popow/imago-images-bilder)

Melnyk warnte zugleich davor, voreilige Schlüsse zu ziehen – und nimmt den Westen in die Pflicht: Denn ob mit dem Aufstand auch das imperialistische Russland kollabiere und zerfalle, bleibe abzuwarten. Passiere das nicht, werde Putins Ukraine-Feldzug weitergehen, und der Westen müsse Kiew weiter militärisch unterstützen.

 

Westen dürfe Ziel nicht aus den Augen verlieren

"Gerade jetzt ist es zentral, dass unsere westlichen Partner, vor allem Deutschland, die militärische Hilfe für die Ukraine massiv hochfahren", so Melnyk vor dem Hintergrund der ukrainischen Gegenoffensive, die aus Sicht von Beobachtern langsamer als erwartet verläuft. Trotz des Wagner-Putsches dürfe der Westen das Hauptziel nicht aus den Augen verlieren: die Lieferung von weiterem modernen Militärgerät, damit die Ukraine in den kommenden Monaten "alle von Russland okkupierten Gebiete befreien" könne.

Melnyk forderte die Bundesregierung erneut dazu auf, ihre Rüstungshilfe für Kiew auszuweiten: "Es darf beim Thema Kampfjets und Marschflugkörper keine Ausreden mehr aus Deutschland geben", so der ukrainische Top-Diplomat. Die Bundesregierung beteiligt sich bisher nicht an der internationalen Kampfjet-Koalition und lehnt bisher auch die Lieferung von Marschflugkörpern an die Ukraine ab.

https://www.t-online.de/nachrichten/ukraine/id_100197262/wagner-putsch-in-russland-kollaps-des-putin-regimes-nur-eine-frage-der-zeit-.html