Herthas aktuelle Führung hätte den Lizenz-Krimi wohl vermeiden können

Herthas Präsident Kay Bernstein und Thomas E. Herrich, Geschäftsführer des Vereins (Quelle: dpa/Soeren Stache)

Hertha BSC hat die Unterlagen für die Zweitliga-Lizenz fristgerecht eingereicht. Nun geht der bange Blick in Richtung DFL. Es ist ein Krimi mit ungewissem Ausgang. Die Vereinsverantwortlichen hätten ihn wohl verhindern können. Von Jakob Rüger und Simon Wenzel

Die Unterlagen sind eingereicht. Am Mittwoch endete die finale Frist für alle Klubs im Lizensierungsverfahren der Deutschen Fußball Liga (DFL). Nun liegt es am zuständigen Ausschuss zu entscheiden, ob Hertha BSC in der 2. Fußball-Bundesliga starten darf oder aufgrund seiner finanziellen Versäumnisse tatsächlich noch weiter absteigen muss. Dieses Horror-Szenario für die Blau-Weißen erscheint zwar unwahrscheinlich, doch selbst im Vereinsumfeld wird es nicht mehr kategorisch ausgeschlossen.

Herthas bedrohliche finanzielle Lage war bereits seit langem klar. Die Geschäftszahlen verrieten sie halbjährlich und bestätigten den Eindruck zum Jahreswechsel noch einmal. Da stand Hertha vor einem Schuldenberg von rund 90 Millionen Euro, steuerte erneut auf hohe Verluste zu und das Konto war fast leer. Dennoch suchte die Klubführung offenbar erst unmittelbar vor Ablauf der DFL-Frist nach Lösungen für große Finanzierungslöcher. Wie konnte es dazu kommen?

Schon die alte Führung hatte einen Plan

Möglicherweise beginnt die Antwort auf diese Frage vor rund einem Jahr, mit dem Abschied zweier langjähriger Führungskräfte von Hertha BSC, Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller und Präsident Werner Gegenbauer, der eine seit 1998, der andere seit 2008 im jeweiligen Amt. Zwei Männer, die mitverantwortlich für den riskanten und kostspieligen Kurs der "Big City Club"-Jahre waren, die den Klub zuvor aber regelmäßig erfolgreich durch komplizierte Lizensierungsverfahren manövriert hatten.

Wie mehrere mit den Vorgängen vertraute Personen dem rbb bestätigen, soll das Duo kurz vor seinem Abschied im Mai 2022 dem Beirat - also dem mächtigsten Klub-Gremium - einen Finanzierungsplan präsentiert haben. Mit frischen Krediten und Verlängerungen von Partnerschaften wollten Gegenbauer und Schiller die Saison 2022/23 sowie bereits damals das derzeit laufende Lizensierungsverfahren absichern.

Unter anderem soll in den Plänen eine Lösung für die 40-Millionen-Euro-Anleihe enthalten gewesen sein, die Hertha derzeit die größten Probleme bereitet. Sie hätte, nach dem Finanzierungsplan, durch eine neue Anleihe abgelöst werden können, mit höherem Volumen - angeblich rund 60 Millionen Euro. Hertha hätte also zusätzlich zu den 40 Millionen Euro für die Rückzahlung der Anleihe noch weiteres Geld zum Abfedern von Verlusten im Tagesgeschäft bekommen. Natürlich hätte auch diese Anleihe irgendwann zurückgezahlt werden müssen, kurzfristig aber wäre ein dringendes Problem vergleichsweise unkompliziert gelöst gewesen. Selbst Kritiker von Ingo Schiller bezweifeln nicht, dass er aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung im Finanzsektor mit dem Plan einer erneuten Anleihe wohl Erfolg gehabt hätte.

Wurde ein Beratungsangebot Schillers ignoriert?

Kurze Zeit später, nachdem sich Gegenbauer und Schiller aus dem Verein verabschiedet hatten, wurden ihre Finanzierungspläne offenbar nicht mehr verfolgt. Die Frage lautet: Wieso? Wurden sie von den scheidenden Führungskräften nicht an ihre Nachfolger übergeben oder von den nun handelnden Personen um Geschäftsführer Thomas Herrich und Präsident Kay Bernstein ignoriert?

Eine klare Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Doch vieles spricht für Variante zwei. Immerhin waren Mitglieder des aktuellen Präsidiums schon in ihren Rollen, als die Pläne erstmals im Beirat präsentiert wurden und auch in der Geschäftsführung blieben nach Schillers Abschied einige Akteure im Amt. So war Björn Bähring jahrelang die rechte Hand von Ingo Schiller, saß bei Hintergrundgespräche zu Finanzzahlen stets neben ihm. Bereits seit 2013 ist er Finanz-Direktor des Vereins. Die Pläne müssen also im Klub bekannt gewesen sein. Zumindest eine geordnete Übergabe in der Geschäftsführung und an der Vereinsspitze wurde aber offenbar verpasst.

Hertha teilt dem rbb auf Anfrage dazu mit, dass der neuen Klubführung keine entsprechenden Finanzierungspläne vorgelegen hätten. Dass sie sich dagegen entschieden habe, eine neue Anleihe aufzulegen, um die alte frühzeitig abzubezahlen, bestreitet der Verein.

Im Vereinsumfeld kursiert zudem eine interessante Behauptung in Bezug auf die Rolle Schillers nach seinem Ausscheiden: Der ehemalige Geschäftsführer Finanzen hätte Hertha noch monatelang in beratender Funktion, ohne zusätzliches Honorar, zur Verfügung gestanden. So wurde es dem rbb berichtet. Auf Anfrage teilt Hertha dazu mit, man habe Ingo Schiller nach dessen Ausscheiden nicht mehr als Berater kontaktiert.

Und das, obwohl gleichzeitig die Geschäftsführung immer mehr ausgedünnt wurde. Bis sie am Ende aus genau einem Mann bestand: Thomas Herrich, seit fast 20 Jahren im Verein tätig, unter anderem als Geschäftsstellenleiter und Prokurist, bevor er 2022 zum Geschäftsführer ernannt wurde. Mit der Entlassung von Fredi Bobic am Jahresanfang wurde Herrich, bis dahin vor allem ein profilierter Organisator aus der zweiten Reihe, alleiniger Geschäftsführer eines Unternehmens mit weit über 300 Mitarbeitern.

Nur zwei Jahre zuvor war man bei Hertha BSC noch der Meinung, es brauche für diese Aufgabe einen übergeordneten CEO, zwei Geschäftsführer und Herrich als Mitglied der Geschäftsführung. Es wirkt fast logisch, dass die Fülle an Aufgaben einen einzelnen Akteur überfordern muss. Die strategische Entscheidung, auf nur noch einen Geschäftsführer zu setzen, muss mindestens mit Zustimmung des Vereinspräsidium gefallen sein - mit Kay Bernstein als obersten Entscheidungsträger an der Spitze. Das ergibt sich aus der Satzung der KGaA.

Ein Versäumnis könnte Herthas Verhandlungsposition geschwächt haben

Personen aus dem Umfeld des Vereins sagen: Mit der Beratung eines gewieften Finanziers wie Ingo Schiller wäre wohl zu verhindern gewesen, was in dieser Saison passierte. Wie mehrere Personen bestätigten, sollen die Verantwortlichen des Klubs auslaufende Kreditverträge mit Banken nicht verlängert haben. Solche Verträge sind wichtig, um unkompliziert höhere Kredite bei Banken zu bekommen - also genau das, was ein Unternehmen wie Hertha braucht, um kurzfristige Liquiditätslöcher zu stopfen. Die Kreditlinie sank nach rbb-Informationen von rund 80 Millionen Euro auf nur noch 35 Millionen Euro - die neue Kreditlinie geht aus dem halbjährlichen Geschäftsbericht hervor. Hertha bestreitet dem rbb gegenüber diesen Vorgang.

Sollte dem tatsächlich ein Versäumnis vorangegangen sein, wäre das ein folgenschwerer Fehler. Denn dadurch fehlten nun sichere Finanzierungsmittel von fast 45 Millionen Euro. Das wäre ein Großteil der Summe, wegen der Hertha um die Lizenz fürchten muss. Auch die erstaunlich offene Aussage von Geschäftsführer Herrich, bei Hertha handele es sich um einen "Sanierungsfall", dürfte nicht hilfreich gewesen sein bei der Beschaffung von Fremdkapital.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich einmal mehr, wieso der Deal mit "777 Partners" von Präsident Kay Bernstein stets als alternativlos bezeichnet wird. So wie es sich darstellt, scheint es zum Zeitpunkt der Verhandlungen mit dem Investor keine andere Möglichkeit mehr für die Verantwortlichen gegeben zu haben, als dem Verkauf der Anteile von Tennor an das US-Unternehmen zuzustimmen und darüber hinaus weitere eigene Anteile an 777 zu veräußern. Nur so kam Hertha an frisches Kapital für die Lizenz zur neuen Saison.

Umso verwunderlicher ist eine andere Aussage Bernsteins: Noch im Dezember verkündete er im "Kicker", die aktuelle und die folgende Saison seien bereits "durchfinanziert". Inzwischen ist klar, dass dem nicht so war.

Sonderfall Hertha BSC im Lizensierungsverfahren deutet sich an

Im aktuellen Lizenzierungsverfahren stellt sich vor allem eine Frage: Wieso wurden erst Mitte Mai die Anleger einer 40 Millionen Euro schweren Anleihe gebeten, diese um zwei Jahre zu verlängern? Zu einem Zeitpunkt, als es eigentlich schon zu spät dafür war. Aufgrund der Anleihe-Bedingungen war nämlich klar, dass Hertha rund einen Monat auf die Antwort seiner Gläubiger würde warten müssen. Die Verlängerung der Anleihe entscheidet sich erst Mitte Juni, also nach Ablauf der eigentlichen DFL-Frist für die Lizensierung.

Herthas Präsident erzählte in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk am vergangenen Wochenende recht ungeniert, wie das zusammenpassen soll: Sein Klub hat offenbar von der DFL eine Ausnahmeregelung im Lizensierungsverfahren bekommen. Bernstein sagte, dass Hertha seine Unterlagen zwar fristgerecht zum 7. Juni abgeben werde, aber auch: "Im Zweifel haben wir, wenn das ein oder andere nicht aufgeht, immer noch eine aufschiebende Frist bis zum 21. Juni." Das sei ein bisschen, wie in der Schule eine Stunde nachzusitzen.

Die Aussage ist insofern erstaunlich, als dass von aufschiebenden Fristen oder dergleichen in der Lizenzierungsordnung der DFL nichts zu lesen ist. Die Liga würde sich also für Hertha weit aus dem Fenster lehnen. Sie will den Vorgang auf Anfrage nicht bestätigen. Man kann davon ausgehen, dass die Offiziellen in Frankfurt nicht besonders begeistert von der Offenheit des Hertha-Präsidenten gewesen sein dürften. Das Lizenzierungsverfahren wird von Branchen-Insidern als ein höchst akkurater, fast schablonenartiger Prozess beschrieben, von dem hier zu Gunsten von Hertha BSC abgewichen würde.

Hertha dürfte einen Plan B für die Finanzierung der Anleihe haben

Eine Person, die mit dem Ablauf solcher Lizensierungsverfahren bei der DFL vertraut ist, sagte gegenüber dem rbb, es sei "nahezu ausgeschlossen", dass der Ausschuss sich auf eine solche Fristverlängerung für Hertha einlassen würde, wenn keine alternative Sicherheit für das 40 Millionen Euro schwere Finanzloch bereitstünde.

Das einzig plausible Szenario ist deshalb, dass Investor 777 Partners Hertha gegenüber der Liga mit einer Bankbürgschaft absichert. Die DFL verlangt dafür die Bürgschaft einer renommierten Bank. Sollten die Gläubiger der Anleihen-Verlängerung nicht zustimmen, könnte der Klub sie über einen Bankkredit abbezahlen. Es würde demnach aus Sicht der DFL bis zum 21. Juni nur noch darum gehen, wer die 40 Millionen Euro bereitstellt, nicht ob sie bereitgestellt werden.

Dann aber stünden Herthas Verantwortliche gegenüber den Anlegern in der Erklärungspflicht. Denn Thomas Herrich sagte zuletzt noch einmal in einem Interview mit dem vereinseigenen Fernsehen [herthabsc.com], die Anleihen-Verlängerung wäre der entscheidende Baustein zur Erlangung der Zweitliga-Lizenz. Das passt nicht zusammen.

Investor 777 gibt sich wenig auskunftsfreudig

Und dann ist da noch die Rolle des Investors. Die naheliegende Lösung wäre ohnehin gewesen, dass 777 Partners für das Finanzloch aufkommt. Als mehrheitlicher Anteilseigner an Herthas ausgegliederter Profiabteilung müsste das Unternehmen ein hohes Eigeninteresse daran haben, den Klub im Profifußball zu halten. Die US-Amerikaner haben sich allerdings bereits im März bei Hertha eingekauft, verhandelt wurde sogar seit dem Winter. Eine Lösung für die 40 Millionen Euro große Finanzierungslücke hätte also längst gefunden und präsentiert werden können - zur Beruhigung der Fans und der Gläubiger, aber eben auch der DFL.

Wahrscheinlich ist deshalb, dass 777 die Summe nicht aus eigener Tasche bereitstellen wollte. Der Investor will sich auf Anfrage nicht dazu äußern, ob das Unternehmen im Fall der Fälle einspringen und Hertha retten würde. Ein Sprecher teilte nur mit, man wolle aus Respekt vor dem Lizenzierungsverfahren der DFL nichts dazu sagen und verwies darüber hinaus auf eine Verschwiegenheitserklärung in Bezug auf Vertragsinhalte.

Zumindest die Frage nach dem Ausgang des Lizenzierungs-Krimis wird in den nächsten Tagen beantwortet. Was bleibt, sind die Zweifel, ob es so weit kommen musste.

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