Generalstreik - wie in Berlin vor 100 Jahren das Licht ausging

Vor hundert Jahren machen kommunistische Arbeiter den 11. August zu ihrem Kampftag: Sie legen ganz Berlin lahm, es wird dunkel in der Stadt. Ihr Generalstreik führt mit zum Regierungswechsel an der Spitze des Reiches. Von Matthias Schirmer

Der 11. August 1923 ist ein Samstag. Die Straßenbahn fährt nicht mehr. Betriebe schließen. Und in Berlin geht buchstäblich das Licht aus. Schon seit Tagen werden Berliner Betriebe bestreikt. Nun aber rufen die kommunistischen Gewerkschaften zum Generalstreik – ausgerechnet am Nationalfeiertag, vier Jahre nachdem die Verfassung der Weimarer Republik unterzeichnet wurde.

Die Arbeiternehmerverbände sind zerstritten. Die Mehrheitsgewerkschaften distanzieren sich rasch offiziell vom Streik: Der Allgemeine Deutschen Gewerkschaftsbund (Vorgänger des DGB) ruft seine Mitglieder zu "Disciplin" auf.

Das Gaslicht geht aus

Doch der kommunistische Generalstreik ist gut organisiert: Nicht nur Berlins Gaslaternen in den Straßen verlöschen, auch zu Hause wird es dunkel. Die Städtischen Gaswerke warnen, dass sofort alle Hähne geschlossen werden müssen, "da sonst bei Wiederkehr des Druckes die Gefahr besteht, dass das Gas unbemerkt in Wohnräume und Küchen entströmt." Denn dann herrsche Explosionsgefahr.

Selbst Zehlendorf und Grunewald werden duster, obwohl sie damals die meisten elektrischen Anschlüsse aufweisen. Denn nicht nur die mehr als 40 Gaswerke Groß-Berlins werden lahmgelegt, sondern auch die neuen "Elektricitäts-Werke" – insbesondere die Kohlekraftwerke in Moabit und Rummelsburg. In der Folge geht auch bei den Straßenbahnen und einem Großteil der S- und U-Bahnen nichts mehr.

Die Wirtschaftskrise entgleist

Die hohe Streikbereitschaft wäre ohne die katastrophale Lage wohl kaum denkbar gewesen: Die Preise steigen im August 1923 so schnell, dass es den Berlinern den Atem verschlägt: Ein Straßenbahnfahrschein kostet jetzt 50.000 Mark. Die Regierung pumpt täglich Abermilliarden Mark ins Ruhrgebiet. Die Franzosen halten es seit Januar militärisch besetzt. Auf Anordnung aus Berlin verweigern die deutschen Angestellten und Beamten den Besatzern jegliche Arbeitsleistung. Sie werden für ihren "passiven Widerstand" aus der Staatskasse bezahlt. Das Geld dafür druckt die Reichsbank. Die Papiermark ist weder mit Gold noch durch reale Wirtschaftsleistung gedeckt – und wird in rasendem Tempo immer wertloser.

Lebensmittel-Unruhen

Zum wiederholten Mal in diesem Jahr sind in ganz Deutschland Lebensmittel so knapp, dass es im Schatten des Streiks zu Plünderungen kommt. Die "Teuerungsunruhen", wie die Presse das Geschehen folglich nennt, erschüttern vor allem Großstädte wie das neue Groß-Berlin. Von Köpenick über Lichtenberg bis Kreuzberg werden Gemüsestände und Buttergeschäfte überfallen und geplündert, eine Brotfabrik wird gestürmt.

Am Samstagvormittag hat der "Fünfzehner-Ausschuss" seinen Aufruf zum Generalstreik veröffentlich. Die "oppositionellen" Betriebsräte, kommunistische Gewerkschafter, formulieren martialisch: "An die arbeitende Bevölkerung Groß-Berlin! Die Großindustriellen und Großagrarier, die Börsenhyänen und die heutige Regierung haben die deutschen Proletarier an den Abgrund geführt. Das deutsche Proletariat ist dem Untergange geweiht."

Forderungen der kommunistischen Gewerkschaften

Ihre Forderungen treffen den Nerv und erscheinen doch unerfüllbar: Mitten in der galoppierenden Hyperinflation wollen die Gewerkschafter einen krisensicheren Mindeststundenlohn für alle: 60 Goldpfennige. Sie wollen die Beschlagnahmung sämtlicher Lebensmittel, die sofortige Anstellung aller Arbeitslosen und Kriegsinvaliden.

Ihre wichtigste Forderung aber heißt: Rücktritt der Reichsregierung unter Kanzler Wilhelm Cuno. Der parteilose Wirtschaftsfachmann hat es in den nur acht Monaten seiner Regierung nicht geschafft, die Franzosen von der Ruhr zu vertreiben, die Währung zu stabilisieren und die Lebensmittelkrise zu beseitigen.

Der Notstandsparagraph

"Die Cuno-Streiks" heißen diese Unruhen daher auch unter Historikern. Und sie haben tatsächlich Erfolg: Bereits am 12. August, also am Tag darauf, tritt Cuno zurück. Reichspräsident Friedrich Ebert ernennt den national-liberalen Gustav Stresemann zum neuen Reichskanzler. Das beruhigt die Lage jedoch ebenso wenig wie die zweite drastische Maßnahme des Reichspräsidenten: Er zückt den sogenannten Notstands-Paragraphen. Mit dieser Herrschaftsvollmacht aus Artikel 48 der Reichsverfassung lässt der Sozialdemokrat die "Rote Fahne", die KPD-Zeitung, verbieten und alle gedruckten Ausgaben beschlagnahmen.

Vorboten des Generalstreiks

Der Generalstreik hatte seine Schatten schon einige Tage voraus geworfen – durch "passive Resistenz" in den Betrieben. Auch das wirkt: Die Fabriken in der Siemensstadt müssen an diesem Samstag komplett dicht machen. Kommunistische "Sprengtrupps" von 500 bis 1000 Mann dringen vor diesem Wochenende in Borsigwalde und Henningsdorf in Betriebe ein. Sie verprügeln Belegschaftsmitglieder, die nicht mitstreiken wollen, und löschen das Feuer unter den Kesseln.

Zu Panik unter Unternehmern hatte am Freitag der Streik in der Reichsdruckerei Oranienstraße geführt: Die Aber-Milliarden an frischen Papiergeldnoten, die das Reich am Laufen halten, gehen innerhalb dieses einen Tages komplett aus. Die Polizei zieht einen Schutzring um die Reichsbank. Hastig wird den Druckern ein neuer Tarifabschluss gewährt.

Weberwiese: Alle Räder stehen still

Der Streik konzentriert sich nun auf Bahnen und Straßenbahn. Der Verkehr kommt zum Erliegen. Mit Wochenbeginn kommt es zu Überfällen "radikaler Elemente" auf das Personal. Demonstranten stehlen Schaltkurbeln, beschädigen Bremsen, verprügeln die Fahrer. Die Polizei ist ständig im Einsatz. Am spektakulärsten ist ihr Eingreifen am Dienstag, dem 14. August, Nähe Weberwiese. Zur Mittagszeit haben sich in Friedrichshain an der Straßenkreuzung Frankfurter Allee - Friedenstraße weit über 1.000 Demonstranten versammelt. In der Mitte der Kreuzung sind die Straßenbahnschienen mit Steinen verbarrikadiert. Die Straßenbahn nach Lichtenberg kommt heran – an Bord befinden sich auch zwei "Oberbeamte", also Berliner Polizisten in Uniform.

Die Menge bringt die Bahn zum Stehen. Sie umringt die Waggons, die Fensterscheiben werden eingeschlagen. Vom 80. Polizeirevier aus macht sich sofort eine Entsatz-Einheit auf den Weg. Nun wird scharf geschossen – wohl zunächst auf die Polizei. Die schießt mit dem Polizeikarabiner zurück. Es gibt mehrere Verletzte.

Scheinwerfer-Wagen

Andernorts auf den stockdusteren Straßen um die Hasenheide bringt die jüngst gegründete Schutzpolizei neues Gerät zum Einsatz: Die "Scheinwerfer-Wagen" beleuchten grell die Szene und helfen so den Polizisten, die Demonstranten zu vertreiben und die "Straße zu säubern", wie es die Presse nennt.

Ein "voller Erfolg", berichten die bürgerlichen Blätter. Nicht überall sind es übrigens nur die Uniformierten, die zur Gegengewalt greifen. So schreibt die "Vossische Zeitung" nicht ohne hämischen Unterton am Dienstag, dem 14. August 1923: "Auf dem Untergrundbahnhof Hallesches Tor der Nord-Südbahn vergriffen sich Streikende an Bahnangestellten und Publikum. Diese setzten sich jedoch zur Wehr und verabfolgten den Agitatoren eine derartige Tracht Prügel, dass sie nur mit großer Mühe durch die Schutzpolizei 'geborgen' werden konnten."

Das Ende des Streiks

An diesem Dienstagabend meldet das Berliner Tageblatt zwar das Ende des Generalstreiks. Doch es dauert noch einige Tage, bis sich das Leben in der Stadt wieder einigermaßen "normalisiert". Richtig friedlich wird es bis Jahresende nicht mehr: Immer wieder kommt es zu Plünderungen. Erst als im November die Währungsreform durchgesetzt wird und in München der Hitler-Putsch scheitert, beruhigt sich die Lage wieder für längere Zeit.

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