Die Nerven liegen blank

Die Anspannung vor der erwarteten ukrainischen Gegenoffensive wächst. Vor allem die russischen Eliten verlieren die Nerven und beschimpfen sich öffentlich gegenseitig.

Es tut sich wenig an den Fronten in der Ukraine. Die russischen und die ukrainischen Streitkräfte verzichten auf große Bodenangriffe, keine Seite verzeichnet derzeit größere Geländegewinne. Aber der Raketen- und Drohnenterror geht weiter. Immer wieder greift Russlands nachts Ziele in der Ukraine an. Am Dienstag wurden zudem auch mehrere Drohnen über Moskau abgeschossen. Es soll das Vorgeplänkel vor der erwarteten ukrainischen Großoffensive sein, meinen Experten.

Doch schon vor dem von Kiew angekündigten Angriff mit westlichen Panzern liegen auf russischer Seite die Nerven blank. Die Führung um Kremlchef Wladimir Putin macht sich gegenseitig schwere Vorwürfe, beschimpft einander in aller Öffentlichkeit. Für Moskau ist schon die Erwartung eines möglichen Angriffes offenbar eine ähnlich große Belastungsprobe wie der Angriff selbst, eine Art Psychoterror für Putin und seine Militärs. Selbst wenn die Gegenoffensive deutlich kleiner ausfallen sollte als von vielen russischen Militärbloggern befürchtet, so liegt das Momentum in dem Krieg nun wieder aufseiten der Ukraine. Putin ist passiv, er kann nur reagieren.

Prigoschin schimpft, Putin tut nichts

Militärische Erfolge hängen vom Vertrauen der Soldaten in ihre Generäle ab. Denn diese entscheiden über ihre Überlebenschancen. Doch auf russischer Seite scheint dieses Vertrauen im Moment zumindest gestört zu sein.

Das britische Verteidigungsministerium oder die US-Denkfabrik Institute for the Study of War stellen in ihren Analysen immer wieder heraus, dass die Kampfmoral der russischen Armee schlecht sei. Das ist kein Zufall, denn wie vertrauenerweckend ist eine Militärführung, die sich immer wieder öffentlich streitet?

Jüngstes Beispiel dafür sind die Äußerungen von Jewgeni Prigoschin. Nach den Drohnenangriffen auf Moskau beschimpfte der Wagner-Chef die russische Militärführung auf seinem Telegram-Kanal als "stinkende Bastarde" und "Arschlöcher". "Warum zum Teufel lasst ihr es zu, dass diese Drohnen nach Moskau fliegen?", schimpfte er. "Falls sie zu euren Häusern nach Rubljowka fliegen, lasst eure Häuser brennen." Rubljowka ist ein Areal westlich von Moskau, das für seine vielen Luxusvillen bekannt ist – auch Putin soll dort ein Anwesen haben.

Jewgenij Prigoschin: Der Gründer der Wagner-Gruppe zeigt sich mit einem Teil seiner Söldner nach der vermeintlichen Einnahme von Bachmut.

Jewgeni Prigoschin: Der Gründer der Wagner-Gruppe zeigt sich mit einem Teil seiner Söldner nach der vermeintlichen Einnahme von Bachmut. (Quelle: PRESS SERVICE OF "CONCORD")

Prigoschin gibt sich als Mann des Volkes, der sich in diesem Konflikt vor die russischen Soldaten stellt. Er wirft insbesondere dem russischen Verteidigungsminister Sergei Schoigu sowie Generalstabschef Waleri Gerassimow das nur zähe Vorankommen der russischen Invasion in der Ukraine vor. Es sei ihr Fehler, dass Russland bei der Entwicklung von Drohnen "Jahre, vielleicht Jahrzehnte", hinter den Gegnern zurückliege.

Wie abhängig ist Putin von den Wagner-Söldnern?

Im Normalfall würde der Wagner-Chef in Russland nun ein gefährliches Leben führen, denn seine andauernden Schimpforgien sind auch eine indirekte Kritik an Putin – dem Oberbefehlshaber, der Schoigu und Gerassimow ihre Posten gegeben hat. Aber Putin scheint seinen Schützling nicht kontrollieren zu wollen oder zu können.

Aber auch Prigoschin ist von Putin abhängig, denn nur durch die Gunst des Kremls bekommt er Waffen und Ausrüstung für seine Kämpfer. Umgekehrt scheint auch Putin im Laufe des Krieges von den Privatarmeen abhängig zu werden. Es war die Söldnertruppe Wagner, die am Ende offenbar die ukrainische Stadt Bachmut einnehmen konnte, nach monatelangen Kämpfen und hohen Verlusten.

Ein Mitglied der ukrainischen Spezialkräfte (OPFOR) auf dem Weg an die front in Bachmut (Archivbild).

Ein Mitglied der ukrainischen Spezialkräfte (OPFOR) auf dem Weg an die Front in Bachmut (Archivbild). (Quelle: Anadolu Agency)

Die Wagner-Söldnertruppe soll laut Schätzungen über 80.000 Kämpfer verfügen. Für Putin gehöre eine private Militärfirma zu einer "Großmacht mit geopolitischen Ambitionen", meint die russische Politologin Tatjana Stanowaja. Allerdings habe die Wagner-Gruppe längst ein Eigenleben entwickelt – und Prigoschin selbst revolutionäre Ansichten. "Der Krieg bringt Monster hervor, deren Rücksichtslosigkeit und Verzweiflung eine Herausforderung für den Staat darstellen können." Schon bei der kleinsten Schwäche könne das System kippen.

Aber kremlnahe Medien schwärmen immer wieder, wie gut organisiert, effizient und erfolgreich die Wagner-Gruppe agiere. Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass Putin seinen ehemaligen Chefkoch Prigoschin braucht. In Moskau wächst zugleich der Unmut darüber. Der russische Ultranationalist und frühere Geheimdienstoffizier Igor Girkin kritisierte Prigoschins inakzeptable "Beleidigungen" gegen die russische Armee als ein Verbrechen und fordert Schritte des Kremls.

"Wir haben keine andere Armee und müssen sie zu einem kampffähigen Instrument machen", betonte er. Sollte Moskau bei der von Kiew geplanten Gegenoffensive eine Niederlage erleiden, drohe Russland schon zum Ende des Sommers Chaos.

Gleichzeitig meldet sich Prigoschin weiter von der Front, warnt vor der ukrainischen Gegenoffensive. Und der frühere russische Präsident Dimitri Medwedew irrlichtert, indem er zum Beispiel am Dienstag Vertreter der britischen Regierung zu legitimen militärischen Zielen im Angriffskrieg gegen die Ukraine erklärte. Putins Führungskreis gibt nach außen das Bild einer uneinigen Großmacht ab. Nach innen ist das ein Zeichen seiner Schwäche, ist er doch nicht in der Lage, die Streitereien zu unterbinden.

Nächtlicher Raketenangriff auf Kiew (Archivbild): Bürgermeister Vitali Klitschko sprach von einem Großangriff.

Nächtlicher Raketenangriff auf Kiew (Archivbild): Die Attacken haben zuletzt zugenommen. (Quelle: GLEB GARANICH)

"Das Machtgefüge im Kreml verändern"

Die Ukraine lässt sich vielleicht auch deswegen Zeit mit ihrem Angriff. Zurzeit bildet sie zudem noch eigene Soldaten an M1-Abrams-Kampfpanzern aus. Gleichzeitig ist der Druck auch auf Kiew groß, denn die ukrainische Armee hat nicht genug Waffen, Munition und militärisches Gerät aus dem Westen bekommen, um mehrfach anzugreifen. Trotzdem wirkt es, als sei die Ukraine aktuell im Vorteil.

"Die Zeit spielt gegen Putin, denn die russische Armee kann sich offenbar nicht einfach aufmunitionieren", erklärt Christian Mölling, Militärexperte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, im Gespräch mit t-online."Wenn die russischen Soldaten wissen, dass sie mit ihrer Munition ihre Stellung nur noch wenige Tage halten können, wird das für sie natürlich auch psychologisch zum Problem." Von all dem profitiert die ukrainische Armee.

Der ukrainische Präsident Wolodomyr Selenskyj bei einem Frontbesuch im umkämpften Bachmut (Archivbild).

Der ukrainische Präsident Wolodomyr Selenskyj bei einem Frontbesuch. (Quelle: Anadolu Agency)

Die ukrainische Gegenoffensive wird nicht mit einem Sturm auf die Frontlinien beginnen. Es gibt bereits ukrainische Angriffe auf Munitionslager und Nachschublinien – das ist die erste Phase, die offenbar begonnen hat. Zwar weiß Präsident Wolodymyr Selenskyj, dass er mit einer erfolgreichen Gegenoffensive Russland nicht sofort militärisch besiegen kann. Doch ukrainische Militärerfolge wären für den Kreml vor allem auch eine politische Bombe. Die aktuellen verbalen Scharmützel könnten da nur ein Vorgeschmack sein.

Für Putin sind diese Konflikte fast gefährlicher als die erwartete ukrainische Offensive selbst. "Wenn die Ukraine in den Süden vorstoßen und die Krim ins Visier nehmen kann, bringt das Putin in Erklärungsnot", sagt auch Mölling. "Das könnte dann wiederum das Machtgefüge im Kreml verändern."

https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/id_100184426/ukraine-krieg-fuer-wladimir-putin-ist-das-psycho-terror-.html