Das sind Putins Optionen für einen Atomkrieg

Russlands Diktator droht dem Westen und der Ukraine immer wieder unverhohlen mit einem Atomschlag. Was davon zu halten ist, schätzen internationale Experten ein.

Nein, Wladimir Putin hat wahrlich nicht mit der nuklearen Option geknausert. Immer wenn der Westen der von ihm und seinen Truppen angegriffenen Ukraine zur Seite gesprungen ist, zog der russische Diktator die Atom-Karte. Und das war in den nunmehr 15 Monaten, die der völkerrechtswidrige Angriffskrieg des Kremls schon dauert, ziemlich häufig der Fall.

Egal, ob es um Sanktionen ging, um die Lieferung von Panzern oder wie zuletzt um die mögliche Lieferung von F-16-Kampfjets an Kiew: Jedes Mal drohte Putin mit dem Einsatz seines Nuklearwaffenarsenals. So deutlich sagt der Alleinherrscher im Kreml das natürlich nicht, aber gerade deutlich genug, um die Gegner spüren zu lassen, was auf dem Spiel steht. Das Bangemachen gehört zum Standardrepertoire des ehemaligen KGB-Agenten, also quasi zur DNA Putins.

Wladimir Putin an Bord des russischen Kriegsschiffes "Marschall Ustinow" bei einer Übung im Schwarzen Meer (Archivbild).

Wladimir Putin an Bord des russischen Kriegsschiffes "Marschall Ustinow" bei einer Übung im Schwarzen Meer (Archivbild). (Quelle: Sputnik/Alexei Druzhinin/Kremlin via REUTERS)

Warum eine nukleare Eskalation des Konflikts in der Ukraine "nicht in Putins Interesse ist", schrieb der Atomwaffenexperte Fabian Hoffmann gemeinsam mit seinem US-Kollegen William Alberque bereits im vergangenen Jahr in einem lesenswerten Beitrag in der "Washington Post". Aus Anlass der gegenwärtig wieder populär werdenden Warnungen vor weiteren Waffenlieferungen, insbesondere vonseiten der Linken und von prorussischen Kräften wie der AfD, legt der Forscher vom Oslo Nuclear Project seine Thesen nun noch einmal neu auf.

"Bereitschaft zur nuklearen Eskalation demonstrieren"

Hoffmann sieht im Fall eines Atomschlages nur drei Optionen für den russischen Präsidenten:

  • einen Signalschlag gegen unbewohnte Ziele

  • einen taktischen Nuklearschlag gegen militärische Ziele

  • einen Signalschlag gegen bewohnte Ziele

Die erste Option, der Signalschlag gegen unbewohnte Ziele, könnte laut Hoffmann zum Beispiel über dem Schwarzen Meer erfolgen und "hätte das Ziel, Russlands Bereitschaft zur nuklearen Eskalation zu demonstrieren und den Willen der Ukraine zur Landesverteidigung zu brechen". Allerdings glaubt Hoffmann nicht, dass sich die ukrainische Regierung davon beeindrucken lassen würde.

Ausschnitt aus einem Video des russischen Verteidigungsministeriums. Er soll den Start einer interkontinentalen Sarmat-Rakete zeigen.

Ausschnitt aus einem Video des russischen Verteidigungsministeriums. Es soll den Start einer interkontinentalen Sarmat-Rakete zeigen. (Quelle: Russian Ministry of Defense/IMAGO)

Auf der anderen Seite wären die wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen für den Autokraten im Kreml hoch. Wladimir Putin würde wohl eine noch größere Isolation innerhalb der Weltgemeinschaft verspüren, auch riskierte er dadurch die Abwendung wichtiger Verbündeter wie China oder Indien von Russland. "Ausschluss aus den G20, Verlust des UN-Sicherheitsratssitzes, weitere Wirtschaftssanktionen etc. Die Liste potenzieller dramatischer Folgen ist lang", schreibt der Forscher in einem langen Beitrag bei Twitter.

Putin hat mit seiner Nukleardoktrin die Tür geöffnet

Im Juni 2020 veröffentlichte der Kreml eine überarbeitete Nukleardoktrin. Darin angegeben waren die Voraussetzungen, unter denen sich der russische Staat zum Einsatz von Atomwaffen genötigt sieht. Eine dieser Bedingungen wäre demnach zum Beispiel eine "Aggression gegen die Russische Föderation durch den Einsatz konventioneller Waffen, die die Existenz des Staates in ernsthafte Gefahr brächte".

Diese Tür habe Putin bereits geöffnet, indem er die Ukraine-Frage mit der Frage nach der Existenz des russischen Staates als solchem verknüpft habe, resümieren die Forscher in der "Washington Post". Indem er zudem die russisch besetzten Gebiete in der Ukraine offiziell annektieren ließ und die dortige Bevölkerung zur Annahme der russischen Staatsbürgerschaft nötigte, habe der Kreml für eine geostrategische Ausweitung der Kampfzone gesorgt. Im Grunde könnte Russland jeden Angriff auf russisch besetztes Territorium, zum Beispiel im Donbass, als Angriff auf Russland selbst interpretieren. Doch das ist bislang nicht geschehen.

Das wundert Militärexperte Hoffmann nicht. Ihm erscheint daher auch ein taktischer Nuklearschlag unwahrscheinlich. Dieser würde sich mutmaßlich gegen militärische Ziele richten, mit der Absicht, "ukrainische Truppenkonzentrationen zu zerschlagen, entweder um einen feindlichen Vormarsch zu stoppen oder um einen offensiven Durchbruch zu forcieren." Allerdings wäre ein solcher Schlag nach seiner Einschätzung nicht entscheidend, da die Ukraine selbst an der Front nicht über massive Truppenkonzentrationen verfügt.

Mit anderen Worten: Putin hätte mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Die politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen wären jedoch ebenfalls immens.

"Jede russische Einheit und jedes russische Schiff vernichten"

Bliebe die dritte und mit Abstand schwerwiegendste Option: ein Atomschlag gegen bewohnte Ziele, also etwa eine Stadt wie Kiew. Doch auch hierbei sehen Hoffmann und Alberque nicht, dass dies die in Putins Augen gewünschte Wirkung hätte, den Willen der Bevölkerung zu brechen und die ukrainische Regierung zu Verhandlungen zu bewegen. Schließlich bombardiert Russland Kiew und andere ukrainische Städte schon seit Monaten. Die Opferzahlen sind hoch und die Bevölkerung lebt in ständiger Angst vor dem Terror aus der Luft.

Ebenso groß sind die Leidensfähigkeit und der Durchhaltewillen der Ukraine. Ob eine weitere grausame Attacke mit Massenvernichtungswaffen daran etwas ändern würde, ist zumindest fraglich. Zumal in diesem Fall Putin das größte aller Risiken eingehen würde: eine Nato-Intervention.

Bei einer mutmaßlichen russischen Attacke auf den Kiewer Bezirk Desnianskyi fielen Bomben auf eine Poliklinik. Eine Frau kam ums Leben.

Bei einer mutmaßlichen russischen Attacke auf den Kiewer Bezirk Desnianskyi fielen Bomben auf eine Poliklinik. Eine Frau kam ums Leben. (Quelle: IMAGO/Anatolii Siryk)

Bereits im vergangenen Jahr betonte US-Präsident Joe Biden, dass sein Widersacher im Kreml es sich gut überlegen solle, ob er die nukleare Karte wirklich ausreizt. Er mahnte Putin eindringlich, dies nicht zu tun. "Tu es nicht, tu es nicht, tu es nicht. Du wirst dadurch das Gesicht des Krieges verändern, wie niemand anderes seit dem Zweiten Weltkrieg." Biden betonte, dass die Antwort der USA und ihrer Nato-Verbündeten sich nach der Aggression richte. Und dass man im gleichen Umfang zurückschlagen werde.

Der ehemalige US-General David Petraeus wurde in einem Interview mit dem britischen "Guardian" noch konkreter. Er betonte, man würde in einem gemeinsamen Nato-Einsatz alles daran setzen, "jede russische Einheit, die wir auf den Schlachtfeldern in der Ukraine und auf der Krim identifizieren können, und jedes russische Schiff im Schwarzen Meer zu vernichten."

Putin sei sicherlich vieles, aber kein Selbstmörder, so die Expertin

Nach Schätzungen von Experten verfügt Russland über ein erhebliches Arsenal an modernen Kurzstreckenwaffen mit Atomsprengköpfen. Jede von ihnen ist in der Lage, eine Explosion mit der Gewalt von bis zu 10 Kilotonnen TNT herbeizuführen. Die Atombombe, die die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über der japanischen Stadt Nagasaki abwarfen, hatte eine Sprengkraft von 15 Kilotonnen. 140.000 Menschen starben innerhalb von sechs Monaten nach der Attacke.

Für Hoffmanns Thesen gibt es in der Forschungsgemeinschaft Zustimmung. So pflichtete der Militärexperte Carlo Masala dem Beitrag des Osloer Kollegen "vollumfänglich" bei. Auch die US-Expertin Katherine Lawlor von der Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) sagt: "Die Wahrscheinlichkeit, dass Russland – oder besser gesagt Putin – sich für die nukleare Option entscheidet, ist astronomisch gering. Das sollte in der gegenwärtigen Situation nicht ernsthaft in Erwägung gezogen werden."

Russlands Diktator (M.) beim Besuch einer Waffenfabrik in Tula, 2014.

Russlands Diktator (M.) beim Besuch einer Waffenfabrik in Tula, 2014. (Quelle: RIA Novosti via Reuters)

Lawlor hat die russische Invasion von Beginn an intensiv begleitet und Putins Strategie analysiert. Sie kommt zu dem Schluss: "Putin ergötzt sich daran, die westlichen Regierungen das (den Einsatz von Atomwaffen) glauben zu machen. Er ist sicherlich vieles, aber lebensmüde ist er nicht."

Ab wann sieht Putin seine Identität gefährdet?

Einer, der Putin seit Jahrzehnten kennt und immer wieder getroffen hat, ist Henry Kissinger. Der ehemalige amerikanische Außenminister betonte im Gespräch mit der "Zeit" kürzlich, dass er ebenfalls nicht davon ausgehe, dass Putin den Konflikt nuklear eskalieren lasse. "Es wäre extrem gefährlich für Russland, Atomwaffen einzusetzen. Denn der Westen kann nicht zulassen, dass Atomwaffen zum entscheidenden Faktor in einem Krieg werden."

Es gebe nur eine Möglichkeit, so Kissinger, die Putin eventuell zu dem Schritt veranlassen könnte. "Je mehr es um den Kern der russischen Identität geht, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass er es tut." Doch ab wann der 70-jährige Diktator diese Identität in Gefahr sieht, das weiß vermutlich niemand.

Wie aber kann der Westen dem Kremlherrscher die Stirn bieten? Ganz einfach, sagen die Atomwaffenexperten Hoffman und Alberque. Indem er überzeugend auftritt. "Nukleare Abschreckung beruht auf zwei Faktoren: den eigenen Fähigkeiten und der Glaubwürdigkeit." So müssten die atomaren Arsenale der westlichen Alliierten funktionstüchtig sein, deren Armeen demzufolge auch. Zudem muss der Feind damit rechnen, dass diese auch eingesetzt werden.

Genau daran hat die Koalition der Ukraine-Verbündeten in den vergangenen Monaten gearbeitet. "Ohne Glaubwürdigkeit, keine Abschreckung", so das Fazit der Autoren.

https://www.t-online.de/nachrichten/ukraine/id_100187352/nukleare-eskalation-das-sind-putins-optionen-fuer-einen-atomkrieg.html